Wie wollen wir sterben?

Selbstbestimmung auch am Lebensende?

Die Teilnehmenden des Seminars „Wie wollen wir sterben?“ konnten sich am 13. und 14. Juni 2015 ein vielfältiges Bild von der aktuellen Sterbehilfedebatte machen. Dazu eingeladen hatte die Akademie Frankenwarte gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben DGHS und der Beratungsstelle für Senioren und Menschen mit Behinderung der Stadt Würzburg.

Verschiedene Expert/innen aus Politik, Justiz, Medizin oder Sozialwissenschaft brachten in Fachbeiträgen, Impulsvorträgen und auf dem Podium ihre unterschiedlichen Perspektiven zum Thema vor. Nicht jede/r, wie z.B. ehrenamtliche Hospizhelfer/innen, Berater/innen, in der Medizin und Pflege Tätige oder Jurist/innen waren aus beruflichen Gründen von diesem Thema berührt. So gab es auch Teilnehmende, die sich mit dem eigenen Sterben auseinandersetzen wollen. Dafür gab es am zweiten Tag in einer Zukunftswerkstatt Raum.

Fachvorträge beleuchten das Thema

Teilnehmende des Seminars „Wie wollen wir sterben?“

Eine Reihe von soziologischen, juristischen und medizinischen Fachvorträgen gab Einblick in verschiedene Facetten des Diskurses zum selbstbestimmten Sterben, der Sterbehilfe und deren Grenzen. Am ersten Vormittag berichteten Melanie M. Klimmer und Rainer Beckmann. Klimmer, M.A., Referentin und Moderatorin der Veranstaltung, sprach aus soziologischer und existential-psychologischer Perspektive von den Grenzen der Selbstbestimmung am Lebensende. Individuelle Ansprüche seien immer auch in ihren sozialen Kontext zu stellen. „Autonomie“ im heutigen sozial-investiven Wohlfahrtsstaat sei einerseits zwar freiheitliches Selbstverständnis, andererseits zugleich normative Folie und Pflicht zur sozialen Selbstverantwortung, die selbst bis zu den Schwächsten der Gesellschaft reichen könne: immobile, weniger „produktive“ Menschen mögen an der Autonomie-Erwartung „scheitern“ und sich dazu aufgefordert fühlen, in ihr vorzeitiges „Ableben“ einzuwilligen. In einer Gesellschaft des langen Lebens aber dürfe Solidarität nicht bei Produktivität, physischer und kognitiver Leistungsfähigkeit schließen. Eine Zunahme an Suizidwilligen, so Klimmer, sollte vielmehr die Frage aufwerfen, welche gesellschaftlichen Tabus, impliziten Verpflichtungen und Stigmatisierungen, zu einer solchen Verzweiflungstat motivieren.

Suizid-Mitwirkung in keinem Aspekt strafbar

Rainer Beckmann, Richter am Amtsgericht in Würzburg und Autor zahlreicher Fachbeiträge und Fachliteratur über die rechtlichen Grenzbereiche des Lebens, verdeutlichte in seinem anschließenden Vortrag „Assistierter Suizid: Letzte Hilfe oder strafwürdiges Verhalten“, weshalb nach aktueller Gesetzeslage die Suizid-Mitwirkung in Deutschland unter keinem Aspekt strafbar sei, obwohl spezifische Fallkonstellationen und Entwicklungen zweifelhaft und strafwürdig seien. Anhand von Beispielen machte er die Schwierigkeiten einer rechtlichen Fixierung deutlich. Gäbe es bspw. ein „Recht auf Suizid“, gerieten alle, die sich nicht umbringen, unter Rechtfertigungsdruck, so Beckmann. Ferner werde die Vorstellung begünstigt, den Aufwand für Pflege, Betreuung und medizinische Versorgung im Alter und bei schwerer Krankheit als persönliches Verschulden zu betrachten. Gerade Formen der „organisierten Suizidhilfe“ würden besonders Menschen in Belastungssituationen bedrohen. Ein spezifischer Fall organisierter Suizidhilfe wäre auch der „ärztlich assistierte Suizid“, der dazu führen könnte, dass Selbsttötung soziale Akzeptanz erfährt – mit nachhaltigen Folgen für die gesellschaftliche Solidarität. Organisiert und geschäftsmäßig betriebene Suizidhilfe solle daher verboten werden.

Ärztliche Handlungspraxis am Lebensende

PD Dr. med. Jan Schildmann, Internist und Medizinethiker am Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin Ruhr-Universität Bochum, berichtete am zweiten Tag über die in 2015 veröffentlichten Studienergebnisse ärztlicher Handlungspraxis am Lebensende sowie über weitere Ergebnisse einer aktuellen Umfrage unter deutschen Krebsmedizinern. Demnach würden Ärzte mit dem Thema Sterbehilfe immer wieder konfrontiert, ein kleiner Teil gibt an bereits bei der Selbsttötung assistiert zu haben. In der persönlichen Bewertung der ärztlich assistierten Selbsttötung ist die Ärzteschaft gespalten, ein berufsrechtliches Verbot wird allerdings nur von einer Minderheit der Befragten befürwortet. Schildmann vertritt in diesem Zusammenhang, die Position, dass eine berufsrechtliche Regelung, die Spielräume für ethische Gewissensentscheidungen lasse angesichts der bestehenden Gesetzeslage zu bevorzugen sei. Die Negierung der moralischen Kontroverse innerhalb der Ärzteschaft von Seiten der Bundesärztekammer sei hier nicht hilfreich. Die Förderung interdisziplinärer Studien zur Erfassung der Handlungspraxis am Lebensende ist nach Einschätzung von Schildmann eine wichtige Voraussetzung für eine informierte Diskussion.

Podiumsdiskussion

Podiumsdiskussion

Neben Herrn Beckmann und der Moderatorin Melanie M. Klimmer, waren auf dem Podium Sabine Dittmar, Gerrit Hohendorf und Sonja Schmid vertreten. Sabine Dittmar, MdB und Mitglied im Ausschuss für Gesundheit des Deutschen Bundestages, berichtete über die aktuellen fünf Gesetzesinitiativen, die von einer positiven Normierung (Straffreiheit bei Hilfe zur Selbsttötung), über ein Verbot gewerbsmäßiger Beihilfe zur Selbsttötung (mehrheitsfähig) bis hin zum Belassen beim Status quo reichen.

PD Dr. med. Gerrit Hohendorf, Facharzt für Psychatrie und Psychotherapie und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte und Ethik in der Medizin der TU München berichtete über seine Erfahrungen in der Klinischen Toxikologie am Klinikum rechts der Isar. Hier werden u.a. Menschen nach Suizidversuch behandelt, die mit therapeutischer Hilfe wieder ins Leben zurück finden. Ein Suizid oder ein Suizidversuch, so sein Fazit, sei immer Ergebnis ambivalenter sozialer, emotionaler und nicht nur kognitiver Entscheidungen. Normiere man Beihilfe zum Suizid für bestimmte Personengruppen, beinhalte dies eine Weichenstellung für den sozial gebilligten vorzeitigen Tod und schaffe neue Stigmatisierungen.

Sonja Schmid, Delegierte der DGHS, vertritt einen offeneren Umgang mit dem Thema, was dazu führe, dass selbsternannten Sterbehelfern, die Beihilfe zur Selbsttötung kommerziell anbieten, der Boden entzogen würde. Es dürfe nicht nur die Wahl zwischen Palliativ-Versorgung und Suizid geben. Es brauche dringend Beratungsangebote zur Ermittlung von Alternativen für Sterbewillige. Gerade Vereine und Verbände, wie die DGHS würden es ermöglichen, dass alle Menschen einen Zugang zu Beratung erhalten könnten. Auch betonte Sie die Bedeutung einer Patientenverfügung.

Zukunftswerkstätten

Für die abschließende Zukunftswerkstatt wählten die Teilnehmenden drei Themenkomplexe aus. Die Gruppe „Institutionen und Autonomie“ diskutierte das Spannungsfeld zwischen individuellen Bedürfnissen und individuellen Rechten mit ökonomischen und strukturellen Zwängen bis hin zu nicht nachvollziehbaren Vorgaben. Die Forderung nach mehr Flexibilität müsse dringend stärker berücksichtigt werden. Eine weitere Gruppe befasste sich mit dem „Grenzbereich zwischen Leben, Sterben und Tod“ und diskutierte damit einhergehend auch Fragen der Organentnahme und –spende.

Die dritte Gruppe traf sich zur Fragestellung: „Meine Selbstbestimmung am Lebensende“. Den Teilnehmenden ist es ein großes Anliegen, Räume zu schaffen, um ergebnisoffen und angstfrei über Möglichkeiten am Lebensende sprechen zu können. Der offene Diskurs sei die beste Suizidprävention und die Patientenverfügung müsse als ein wichtiger Prozess der Beteiligten verstanden werden, dem Zeit einzuräumen wäre. Mediziner/innen könnten mehrheitlich nicht bei der Frage nach dem selbstbestimmten Suizid helfen, so die Einschätzung vieler Anwesender.

Am Ende des Seminars zog ein Großteil der Teilnehmenden das Resumee, dass es keiner gesetzlichen Neuregelung bedürfe, da diese nur Verschlechterungen mit sich brächte, „in die eine oder andere Richtung“. Umso wichtiger sei es, das Thema „Sterben“ aus der Tabu-Zone zu holen und offen zu besprechen, sowohl gesellschaftlich als auch „mit sich selbst“.

Text: Melanie M. Klimmer

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