Was ist uns das Alter wert?

Um Antworten auf diese Frage zu finden, kamen 38 bürgerschaftlich Engagierte und Hauptamtliche in der Senior*innenarbeit aus fünf Gemeinden im Kreis Offenbach vom 22. bis 24. Mai 2019 in die Akademie Frankenwarte Würzburg.

Und was kommt Ihnen - ganz spontan -  in den Sinn bei dieser Frage? Zu Beginn des Seminars kreisten viele sorgenbeladene Gedanken um das finanzielle Auskommen im Alter sowie die gesundheitliche Situation, um gesellschaftliche Teilhabe, respektvollem Umgang und Anerkennung. Genauso wurde aber auch optimistisch an neue Freiheiten gedacht sowie die Möglichkeit, neue Ideen zu realisieren.

Um ein Gesamtbild zu erhalten, gibt es den Deutschen Alterssurvey. Mit Dr. Claudia Vogel vom Deutschen Zentrum für Altersfragen wurde der Fokus auf die Bereiche „Einkommen“, „Armut“ und „Engagement“ gelegt. Trotz vieler positiver Entwicklungen müsse der starken sozialen Ungleichheit, die innerhalb der Gruppe der Alten größer ist als zwischen Jung und Alt, wesentlich stärker entgegen gewirkt werden, so die Meinung der Gruppe. Auf Unverständnis stieß die Tatsache, dass Angehörigenarbeit im Freiwilligensurvey aus definitorischen Gründen keine Berücksichtigung findet. „Das ist eine ganz wesentliche und womöglich wachsende Komponente von unbezahlter Arbeit, die auch statistisch erfasst werden muss, damit sie Anerkennung finden kann und gesellschaftliche Handlungsbedarfe aufdeckt.“

Ein besonderer Höhepunkt des Seminars war der Vortrag und das Gespräch mit Prof. Dr. Annelie Keil aus Bremen. So wanderte der Blick vom „statistischen Menschen“, den es real nicht gibt, der aber erkannt werden muss, um einen gesellschaftlichen und politischen Rahmen setzen zu können, zur individuellen Frage: Was ist mir mein Alter wert? Und: können wir Merkmale des „guten Alterns“ festlegen? So kreiste der Vortrag um die Koexistenz von Freiheit/Selbstbestimmung und Abhängigkeit sowie die  Lebenskunst, diese Pole zu vereinbaren. Anhand von Beispielen, der Betrachtung der Lebensphasen und immer verbunden mit der Einladung, die eigenen biografischen Erfahrungen zu reflektieren, lud Annelie Keil zum Mitdenken ein: „Abhängigkeiten gibt es nicht nur am Lebensanfang. Sie werden wieder steigen, doch damit umzugehen, hierüber lernen wir zu wenig. Neben Selbständigkeit gilt es auch, das Miteinander zu lernen und zwar über die gesamte Lebensphase hinweg“, so ein wichtiger Schlüsselsatz. „Die Bewertung des Alters liegt nicht nur bei unserer Gesellschaft – sie liegt auch stark in individuellen Händen!“ Ein Appell, sich immer wieder der eigenen Sinnfrage zu stellen und gute Antworten, passend zur jeweiligen Lebenssituation, zu finden.
Und welche Herausforderungen gilt es in Zukunft besonders in den Blick zu nehmen? In Kleingruppen wurde intensiv an den Themen „Gutes Leben mit Demenz in einer Kommune“, „Wie mit Missständen in stationärer und ambulanter Pflege umgehen?“ und „Hybride Versorgungsmodelle“ gearbeitet. Zuletzt und zur Abrundung wurden mit Dr. Ludwig Amrhein philosophische und gerontologische Betrachtungen und Leitbilder erörtert. Dazu wurden im Schnelldurchlauf das Defizit- und Kompetenzmodell vorgestellt und nach deren zugrundeliegenden Menschenbildern gefragt. Gerontologische Leitbilder wurden analysiert: was ist mit erfolgreichem, produktivem oder aktivem Alter gemeint? Was schnell zur Frage führt: Sind alle Lebensphasen gleich wertvoll und welche philosophischen Antworten finden sich hierzu?
Der Wert eines Menschen darf nicht von Bedingungen abhängig gemacht werden – so die Meinung der Gruppe. Würde ist die Befähigung zur Teilhabe und Verbundenheit, ungeachtet des körperlichen und geistigen Zustands.

Ausgehend von dieser wunderbaren Maxime wurden erste Leitlinien für die Kommunen und das eigene Denken formuliert:
1.    soziale Kontakte, Einbindung, Inklusion sind zentral;
2.    Selbständigkeit erhalten bzw. verwirklichen, und zwar nach den jeweiligen Möglichkeiten;
3.    Lebenszufriedenheit als permanente Herausforderung annehmen;
4.    finanzielle Absicherung als individuelle und gesellschaftliche Aufgabe;
5.    Respekt.

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