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Diese Bücher feier(te)n wir

Vorlesen und Zuhören anlässlich der NS-Bücherverbrennungen im März und Mai 1933 / Ein Rückblick

Am 10. Mai 1933 inszenierten SA-Männer, Stahlhelm und Studenten einen Fackelzug und verbrannten auf dem Würzburger Residenzplatz die Bücher der „Reichsfeinde“. Diese Form des NS-Terrors setzte in Würzburg bereits am 10. März 1933 ein. Am frühen Morgen startete eine Verhaftungswelle mit Hausdurchsuchungen, Besetzungen von Zeitungsverlagen und dem Gewerkschaftshaus folgten, Flugblätter, Zeitungen und „Propagandamaterial“ wurden auch an diesem Tag verbrannt.

Anlässlich des Jahrestages setzten Akademie Frankenwarte, Bündnis für Demokratie und Zivilcourage und Stadtbücherei Würzburg am 10. Mai 2023 ein Zeichen: „Diese Bücher feiern wir! Wir fühlen uns verbunden mit Autor*innen, die 1933 vom NS-Regime verfemt und verfolgt wurden, wie mit jenen Autor*innen, die heute für Menschenrechte und Vielfalt und gegen Rassismus und Diskriminierung eintreten.“ Zahlreiche Teilnehmende kamen zusammen, um aus von ihnen ausgewählten Werken zu lesen und zuzuhören.

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Bild:Gelesen hat unter anderem: Helmut Försch (gemeinsam mit Stephanie Böhm, Leiterin der Akademie Frankenwarte)
Gelesen hat unter anderem: Helmut Försch (gemeinsam mit Stephanie Böhm, Leiterin der Akademie Frankenwarte)

Empfangen wurde das Publikum mit Rap-Musik von und mit Khaled Baek, Niro und DJ Badou, die ihre persönlichen Lebenserfahrungen mal in deutscher, englischer und arabischer Sprache performten. Anschließend führte Würzburgs Stadtheimatpfleger Dr. Hans Steidle ins Thema ein: „Was am 10. März und am 10. Mai 1933 in Würzburg geschah“. Steidles Ausführungen schilderten eindrücklich die Vorgeschichte und den Ablauf der Bücherverbrennungen insbesondere in Würzburg. Er betonte dabei, dass die Bücherverbrennungen von Studenten, der „Elite“, ausgingen und das Ziel hatten, „die Werke aus dem Gedächtnis der Menschen auszulöschen“. Der Schriftsteller Leonard Frank beschrieb dies damals als „literarischen Tod im Heimatland“. Umso wichtiger, uns heute diese Autor*innen und Werke ins Gedächtnis zu rufen. Steidle: „Wir wollen heute genau die Autoren und Autorinnen zu Wort kommen lassen, die es damals nicht konnten.“ Den kompletten Vortrag finden Sie hier als PDF-Download.

Diese Bücher feier(te)n wirDamit wurde das Wort an die vielfältigen Leser*innen übergeben (hier geht's zur kompletten Leseliste), welche eine Reihe von Organisationen vertraten - wie den Ombudsrat für die Stadt Würzburg, die Arbeitsgemeinschaft Würzburger Frauen und Frauenorganisationen AWF, die Arbeiterwohlfahrt, SPD und die Grünen, die Pfadfinderschaft und die Gesellschaft für Politische Bildung. Gelesen wurde aus unterschiedlichsten Werken. Begonnen wurde mit Juden auf Wanderschaft von Joseph Roth, die erste Begegnung des Vorlesers mit den „Ostjuden“. Gewählt wurde dieses Werk, weil „es die Zuneigung zu diesen Menschen, die Opfer wurden, zeigt“. Helmut Förschs bewegender und unter die Haut gehender Text stammte von Erich Kästner aus dem Buch Eine deutsche Chronik – Schwierigkeiten ein Held zu sein. Kästner ringt hierin mit dem Unvermögen und der Pflicht, die NS-Verbrechen in Worte zu fassen. Und einige Leser*innen später folgte von Carolin Emcke ein zentraler Text aus dem Buch Weil es sagbar ist – Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit, welches nahezu als Antwort auf Erich Kästners Text verstanden werden kann.

Auch aus ganz anderen Genres zeitgenössischer Werke, wie Die schwarze Madonna – Afrodeutscher Heimatkrimi wurde gelesen. Da die Leserin es „feiert, dass der Hauptcharakter afrikanischer Herkunft und ohne klischeebehaftete Rolle ist“. Es folgte ein Ausschnitt aus dem Anti-Kriegs-Roman Im Westen nichts Neues, ebenfalls ein Buch, das 1933 verbrannt wurde und leider wieder aktuell ist aufgrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Im nächsten Vortag aus Gilgi – eine von uns von Irmgard Keun wurde die Selbstbestimmung und Freiheit der Frauen betont und gefeiert. Es folgten weitere starke Autorinnen, wie Mascha Kaleko (Bleibtreu heißt die Straße) und Vicki Baum (Menschen im Hotel). Auch aus Hannah Arendts Über das Böse - Vorlesung zu Fragen der Ethik hörten wir einen Auszug, welcher davon handelt, „wie es soweit kommen konnte: Was war geschehen?“. Der nächste Leser trug aus …Trotzdem Ja zum Leben sagen Worte von Viktor E. Frankl vor, welcher sich im Konzentrationslager mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit des Lebens auseinandersetzte. Der Text: Erklärt mir bitte, was Integration ist von Kefah Ali Deeb leitete wunderbar über zur abschließenden Rap-Musik.

von Stephanie Böhm

Vortrag Stadtheimatpfleger Hans Steidle zu Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 Vortrag Stadtheimatpfleger Hans Steidle zu Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933, 133 KB
Leseliste in Gedenken an die Bücherverbrennungen 1933 Leseliste in Gedenken an die Bücherverbrennungen 1933, 517 KB
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