Aktuelles aus der Frankenwarte

Tunesien: Innen- und Außenansichten

Spannende Einblicke vom ehemaligen Landtags-Vizepräsidenten Franz Maget, der an die Deutsche Botschaft nach Tunis ging / Abendveranstaltung im Hotel „Zur Stadt Mainz“

von Stephanie Böhm

„Die Region Nordafrika liegt unmittelbar vor unserer Haustüre und ist von großer Bedeutung für die Europäische Union und Deutschland. Was dort passiert, hat immer auch etwas mit uns zu tun!“ So begann Franz Maget seinen fesselnden Vortrag über Tunesien mit Querverweisen auf dessen Nachbarstaaten. Durch seine Tätigkeit als Sozialreferent an der Deutschen Botschaft in Tunis sammelte er ganz besondere Erfahrungen. Wie sein Buch „Zehn Jahre Arabischer Frühling – und jetzt?“ zeigt, schlägt sein Herz als ehemaliger Landtagsabgeordneter und SPD-Fraktionsvorsitzender nicht nur für Bayern, sondern gewiss auch für Nordafrika und dessen Zukunft.

Franz Maget
Franz Maget, ehemaliger Vizepräsident des Bayerischen Landtags und dort SPD-Fraktionsvorsitzender

Ausgehend von der anschaulichen Beschreibung der Lebenssituation junger Menschen in Tunesien, wurden viele Problematiken in den Fokus gerückt: Die hohe Jugendarbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven, prekäre ökonomische Verhältnisse der Familienverbünde, Visabeschränkungen, das fehlende bürgerschaftliche Engagement oder Vereinsleben, sowie die kaum vorhandenen Demokratieerfahrungen in einem autoritären Staat mit Korruptionsproblemen, als auch kulturelle Traditionen bei gleicher Mediennutzung wie hierzulande.

Obwohl Tunesien im Vergleich zu den Nachbarstaaten bessere Ausgangsbedingungen für demokratische Entwicklungen aufzeigt – ein kleines Land ohne Rohstoffe, die für ausländische Großmächte interessant sein könnten, vergleichsweise gute gesetzliche Grundlagen seit 1956, insbesondere im Hinblick auf die Stellung der Frau – fand das auslösende Moment für den Beginn des sogenannten „Arabischen Frühlings“ in Tunesien statt. Nach den Gründen hierfür befragt, antwortete Maget, dass ein solcher Auslöser auch in anderen Ländern hätte stattfinden können. Und doch gab es Besonderheiten: Eine geringere Militärpräsenz, das große Bedürfnis, das Machtimperium von Präsident Ben Ali zu beenden und die Tatsache, dass via Facebook und Al Jazeera die Selbstverbrennung eines jungen Mannes sofort bekannt gemacht wurde, die letztlich den Protest in der ganzen Region entzündete.

Sehr deutlich machte Maget, weshalb so manche westliche Vorstellung nicht die gewünschte Wirkung entfalten kann: „Es ist ein Irrglaube, anzunehmen, dass mittels eines militärischen Eingriffs Diktatoren gestürzt werden könnten und nach dem Abhalten von Wahlen anschließend die Demokratie Einzug hält.“ Auch werde es noch ein langer Weg sein, bis die Europäische Union außenpolitisch mit einer Stimme sprechen kann. Dies verdeutlichten alleine schon die Unterschiede zwischen Deutschlands und Frankreichs Vorgehen. Natürlich standen auch aktuelle Entwicklungen und deren Folgen im Zentrum der Diskussion mit den gut 30 Gästen. Hier zeigte Maget mehrere Szenarien auf, ging auf den großen Einfluss und Ziele Katars sowie der Golf-Monarchien ein, und schloss mit dem Plädoyer: „Deutschland und die EU müssen alles daran setzen, demokratische Tendenzen mit zu ermöglichen, auf diplomatischer und wirtschaftlicher Ebene. Dies kann ausstrahlende Wirkung auf andere Regionen entfalten.“

Eine weitere Veranstaltung mit Franz Maget, dann zur Lage in Ägypten, ist in Planung. Verschiedene Aufsätze zur Region Nordafrika können Sie auf Franz Magets Homepage finden. Unten ein Foto aus dem Seminarraum im Hotel Zur Stadt Mainz, wo MdL Volkmar Halbleib unseren Gast im Namen der Akademie Frankenwarte/Gesellschaft für Politische Bildung e.V. begrüßte.

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