Aktuelles aus der Frankenwarte

Generation Corona!?

Jugendliche berichten - wir hör(t)en zu: Wie erleben sie die Pandemie und die eingeleiteten Maßnahmen? Was haben sie Neues entdeckt, was fehlt besonders? Was erwarten sie von Politik und Gesellschaft? Was können wir alle lernen?

Covid-19 verändert auch das Leben von jungen Menschen komplett, trotz aller Solidarität und Kreativität. Doch was bleibt im Verborgenen? Berücksichtigt unsere Gesellschaft ausreichend die Wünsche und Bedürfnisse von Jugendlichen? In unserem Online-Seminar hatten Menschen zwischen 14 und 26 Jahren das Wort. Zugehört und Mitdiskutiert haben auch politisch Aktive und solche, die überwiegend beruflich mit Jugendlichen zu tun haben – also Sozialpädagog*innen, Vertreter*innen von Jugendverbänden.

Was die Jugendorganisationen sagen

Die Veranstaltung begann mit kurzen Statements von Gesprächspartner*innen, die Vorstandstätigkeiten bei Partei-Jugendorganisationen innehaben. Thema: Positive wie negative Auswirkungen der Corona-Pandemie – im Großen wie im Kleinen. Jan Schiffer, Bundessprecher der Linksjugend, bewertet den gewachsenen Zwang zur Digitalisierung durch Corona als sehr positiv. Belastend empfindet er das Leid vieler Menschen und den eurozentristischen Blick: „Eine Pandemie ist keine Naturgewalt, die wir nicht in den Griff bekommen können. Sie ist nicht einfach da, sie kann bekämpft werden. Und warum wird nicht darüber diskutiert, inwieweit die Pandemie von den durch uns verursachten Umweltprobleme mitverursacht wird?“ Auch Timon Dzienus, Schatzmeister der Grünen Jugend, bemängelt, dass durch Corona wichtige Probleme nicht angegangen werden wie die Situation in Geflüchteten-Lagern. Sozial isoliert fühlt er sich in der Pandemie nicht, da er in einer Wohngemeinschaft lebt. Von Isolation will auch Nemir Ali nicht sprechen, er ist bei den JuLis für Programmatik zuständig. Er hat zwar mehr Zeit für sein Studium, da viele politische Termine entfallen; aber die fehlende Abwechslung durch Sport und Freizeitaktivitäten fehlt ihm doch sehr.

Für die Landesvorsitzende der JuSos in Bayern, Anna Tanzer, ist das eigene Studium in Corona-Zeiten mit Mehrarbeit verbunden, ebenso das politische Engagement, und sie vermisst die Präsenztreffen. Positiv bewertet sie, dass nun ein veränderter Blick auf systemrelevante Berufe geworfen wird und die Akzeptanz für Menschen mit psychischen Erkrankungen wachse. Und Markus Täuber, stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungen Union, bemerkt durch Corona mehr Wertschätzung für die Natur und seine Heimat zu erleben – und einen Digitalisierungsschub. Er ist froh, nicht mehr so viel unnötige Zeit für Reisen und Termine aufwenden zu müssen. Doch ebenso wenig Zeit kann er seit gut einem Jahr in seine größten Hobbies investieren: Musik und Konzerte, Geselligkeit beim Fußball oder auch im Wirtshaus.

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Zahlen zum Pandemie-Gefühl

Eine Umfrage unter unseren Teilnehmenden zeigte, dass sich für 77 Prozent der Alltag in der Pandemie stark oder sehr stark veränderte. Positiv: Alle scheinen Kontakt zu Menschen zu haben, mit denen sie sich über Probleme und Veränderungen austauschen können. Eine Mehrheit meint, die Situation von Jugendlichen werde in den Medien unzureichend thematisiert. Fast die Hälfte ist aktiv geworden, damit die Bedürfnisse junger Menschen in den Pandemie nicht vergessen werden, und nochmals 40 Prozent haben ein schlechtes Gewissen, weil sie es nicht tun. Positive Veränderungen der Pandemiezeit, die auch zukünftig wichtig bleiben werden, entdecken 75 Prozent der Teilnehmenden, keine einzige positive Veränderung sehen 11 Prozent. 68 Prozent beschäftigen sich mit den politischen „Corona-Maßnahmen“, weitere 26 Prozent zumindest, wenn sie persönlich davon betroffen sind.

In der anschließenden Austauschrunde wurde bestätigt, dass das Umswitchen auf digitale Angebote, auch in der Jugendarbeit, stattgefunden habe. Für die offene Jugendarbeit bleibt dies jedoch herausfordernd, von einer regelrechten Überflutung der Jugendlichen wurde gesprochen, weshalb die Angebote nur mäßig angenommen würden und Eltern nur wenig Entlastung erfahren könnten. Schwierig, so eine Schulsozialarbeiterin für Azubis, sei es, online zu beraten oder Präventionsangebote geben zu können. „Wo es vorher klappte, klappt es auch jetzt, aber andere bleiben leicht auf der Strecke.“

Konkrete Schritte für die Jugend

Was können wir tun, um den Bedürfnissen junger Menschen Gehör zu verschaffen? Was sind konkrete Schritte, die wir angehen können? Welche Themen müssen gesellschaftlich ganz oben auf die Agenda kommen? In Kleingruppen diskutierten die Teilnehmenden diese Fragen und kamen unter anderem zu folgenden Einschätzungen:

  • Corona-Maßnahmen und die wahren Gründe hierfür besser erklären, gerade für junge Menschen. Denn ja mehr Differenzierung bei den Maßnahmen erfolge, umso schwieriger seien sie zu durchschauen. Die Maßnahmen für junge Menschen kamen zu spät und waren zu wenig im Vergleich mit anderen gesellschaftlichen Gruppen.
  • „Steckt Ressourcen in die Lösung lösbarer Probleme!“
  • „Bildung statt Prüfung“ muss das Motto in den Schulen werden.
  • Echte Mitbestimmung – nicht nur Anhörung – und die bereits in Grundschulen.
  • Aktiv auf Jugendliche zugehen und ihren Rat suchen (z.B. im digitalen Bereich), denn Jugendliche haben Expertise.
  • „Gemeinsam sind wir stark, trotz großer Unterschiede.“ Daher: mehr (digitale) Austauschmöglichkeiten für Jugendliche untereinander schaffen.
  • Jugendgremien in Kommunen etablieren und das Wahlrecht ab 16 Jahren einführen.
  • Konkrete Hilfsangebote bei psychischen Erkrankungen sind wichtig, diese Angebote stärker für Jugendliche öffnen und den Zugang erleichtern.
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