Wohin geht die Reise?

Würzburger Thesen 2017

Würzburger Thesen 2017

Vertreter und Vertreterinnen von Kirche, Stadt und zivilgesellschaftlicher Gruppierungen versammelten sich am 27. Januar in der Kolping-Akademie Würzburg um unter dem Titel "Wohin geht die Reise?" mittelfristige Perspektiven für die "Würzburger Thesen 2017" zu erarbeiten.

Eingeladen hatten dazu die Akademie Frankenwarte, die Katholische Akademie Domschule, das Evangelische Bildungszentrum Rudolf-Alexander-Schröder-Haus und die Kolping-Akademie im Rahmen der Reformationsdekade.

Zu dieser Zukunftswerkstatt wurden Fragen wie "Wohin geht die Entwicklung für Würzburg als soziale Stadt, als lebenswerte Stadt und als Kulturstadt?" und "Was sind gemeinsame Herausforderungen, für die sich Stadt, Kirchen und zivilgesellschaftliche Akteure gemeinsam engagieren?" gestellt, die an drei Thementischen gemeinsam angegangen und dann in einer gemeinsamen Runde vorgestellt werden sollten. Da die Veranstaltung in die Zeit des Wahlkampfes fiel, sollten sich im Anschluss die sechs Oberbürgermeister-Kandidaten und die Kandidatin zu den ihnen wichtigen Punkten äußern. Dazu konnten sie auch vom Publikum befragt werden.

Peter Langer, stellvertretender Leiter der Kolpingakademie, begrüßte die ca. 70 Gäste: "Es ist gut wenn sich Menschen zusammentun und anpacken, wenn es um das Gemeinwohl geht." Jeder Teilnehmer konnte sich für einen Thementisch entscheiden. Am meisten Zulauf fand die "Lebenswerte Stadt", betreut von Domschule-Akademiedirektor Dr. Rainer Dvorak , doch auch an den Tischen "Soziale Stadt" mit Karl-Heinz Spiegel, Leiter der Akademie Frankenwarte, und "Kulturstadt" mit Pfarrer Harald Wildfeuer wurde eifrig diskutiert. Die wichtigsten Punkte wurden von den Tischleitern nach etwas über einer Stunde Diskussion schriftlich zusammengefasst.

Den zweiten Teil der Veranstaltung moderierte Andreas Jungbauer, Leiter der Lokalredaktion Würzburg der Main-Post. Er gab jeder Gruppe fünf Minuten Zeit, ihre Ergebnisse vorzustellen. Dr. Rainer Dvorak verlas die Themen, die die Gruppe "Lebenswerte Stadt" bewegte, in Stichworten vor: Verkehrsplanung, bezahlbarer Wohnraum, Einkaufsstadt, ein Augenmerk auf eine am Fluss liegende, grüne Stadt, bürgerfreundliche Verwaltung, Familienfreundlichkeit oder die Bedeutung der Universität. Zusammengefasst hat die Gruppe das Ganze in vier Thesen: Eine lebenswerte Stadt brauche ein Höchstmaß an Transparenz und Bürgerbeteiligung, eine vernünftige Vision der Gesamtentwicklung der Stadt, die der Nachhaltigkeit verpflichtet ist, beachtet die Grundbedürfnisse aller Generationen und sorgt für Kommunikation zwischen Stadt, Verwaltung und Bürgergesellschaft.

Die Zusammenfassung der "Sozialen Stadt"-Gruppe stellte Natali Soldo-Bilac vor. An den letzten Punkt der "Lebenswerten Stadt" konnte sie gleich anknüpfen, denn auch für ihre Gruppe gilt "Die Verwaltung ist für alle Bürger da". Weiter Themen dort waren soziale Projekte in den einzelnen Stadtteilen. Diese Arbeit, zum Beispiel mit Kindern, könnten jedoch nur erfolgreich sein wenn es dort weiter bezahlbaren Wohnraum gebe. Sonst müssten die Familien umziehen und die Kinder müssten deshalb die Projekte verlassen. Nach Vorbild anderer Städte könnte es eine "Soziale Landkarte" geben, eventuell gesteuert von einer Stelle in der Verwaltung. Ein Dialog der Stadt mit den Bürgern wird nicht nur vor Wahlen gefordert, die Entscheidungsprozesse müssten transparenter gestaltet und die Bürger mehr mit einbezogen werden. Weiter Wünsche waren mehr öffentlicher Räume der Begegnung, etwa für Senioren, Integrationslotsen, Bürgerausweise, ein Jugendparlament und das Gelände der Mozartschule als eine Art Willkommenszentrum für Kultur und andere Projekte.

Für den Erhalt der vom Abriss bedrohten Mozartschule würde sich auch die Gruppe "Kulturstadt" einsetzen. Pfarrer Harald Wildfeuer stellte deren Ergebnisse vor, die als Rohbausteine zusammengefasst wurden. Gewünscht ist der Ausbau von Kultur und Bildung als Alleinstellungsmerkmal für die Stadt. Die kulturelle Vielfalt, die es in Würzburg durchaus gebe, müsse stärker vernetzt werden. So könnten Synergien aufgebaut werden. Für sogenannte „kulturferne Schichten“ müsse es eine Öffnung geben. Dafür könnte man sich etwa eine inklusive Kulturszene vorstellen. Für Bürgerkultur sollten mehr Räume geschaffen werden, denn nicht jeder Künstler könne es sich leisten teure Räume zu kaufen oder zu mieten. Kultur sollte ein inklusiver Bestandteil einer ganzheitlichen Stadtentwicklung werden.

Anschließend hatte jeder Oberbürgermeister-Kandidat und die Kandidatin Zeit, sich drei Minuten lang den vorgestellten Themen und Wünschen zu widmen. Es begann Christian Schuchardt, Kandidat von CSU, FDP und Würzburger Liste. Er plädierte zunächst dafür, dass solche Veranstaltungen öfter stattfinden, denn so könne man einen offenen Dialog führen. Zum umfangreichen Thema Mozartgymnasium schlug er eine eigene Abendveranstaltung vor. Die Stärkung der Stadtteile sei ihm wichtig und stehe in seinem Wahlprogramm. Charlotte Schloßareck vom Bürgerforum betonte, sie habe im Stadtrat immer mehr Bürgerbeteiligung gefordert, die ihr in Würzburg zu wenig berücksichtig werde. Die Unterstützung von Ehrenämtern sei ihr wichtig, ebenso die Kulturarbeit. Alle Altersschichten sollten ernst genommen werden und die Verwaltung öfter in die Pflicht genommen werden bei der Gesamtentwicklung der Stadt. Philipp Niggl von Würzburg 21/Die Linke hat ein Büro für Bürgerbeteiligung, an dem die Stadt und Mitglieder verschiedener Träger beteiligt sind, als eine Hauptforderung in sein Wahlprogramm aufgenommen. Zum Thema Grüne Stadt sei er gegen die Bebauung des Platzschen Gartens gewesen. Bezahlbarer, barrierefreier Wohnraum müsse geschaffen werden. Außerdem sei ein "Würzburgpass" wichtig, um Leute zu inkludieren die nicht viel Geld haben. Dominik Metzger von der Piratenpartei verlangte, der Stadtrat müsse besser auf den Bürgerwillen reagieren. Bürger, die sich über Entscheidungen und Pläne informieren wollen, würde viel zu oft bei der Verwaltung vor verschlossenen Türen stehen. Statt die Menschen zu motivieren sich zu beteiligen würden ihnen Steine in den Weg gelegt, was zu Frust führe. Raimund Binder, Kandidat der ÖDP, ist seit zehn Jahren Sprecher der Bürgerinitiative „Ringpark in Gefahr“. Deshalb sei das Thema Bürgerbeteiligung bei ihm ein Schwerpunkt. Als Beispiel für den Mangel daran nannte er den Versuch des Bürgervereins Lengfeld, der der Stadt schriftlich jedes Jahr zehn Wünsche für ihren Stadtteil zuschicke. Die Antwort habe den Beteiligten das Gefühl gegeben, es sei besser „den Mund zu halten“. Wolfgang Baumann, Kandidat von "Zukunft für Würzburg", hat im Fall seiner Wahl vor in den ersten 100 Tagen die Kommunikationsstruktur in der Verwaltung zu ändern. Denn die Bürger würden sehen wo es etwas zu verbessern gäbe, die Vorschläge müssten nur aufgegriffen werden. Zum Thema MOZ-Gelände müsste ein Forum geschaffen werden, denn hier und insgesamt in der Stadt würde bei der Planung die Struktur fehlen. Muchtar Al Ghusain, der für SPD und Grüne antritt und momentan als Kultur-, Sport- und Schulreferent tätig ist, gefiel der Punkt „Vernünftige Visionen schaffen“ am besten. Denn Wünsche der Bürger müssten umsetzbar und finanzierbar sein. Er verstehe den Frust der Menschen, die sich bei Stadtratsentscheidungen ausgeschlossen fühlten. Deshalb würde er eine Stabsstelle "Bürgerdialog und –beteiligung" direkt beim Oberbürgermeister ansiedeln. Das Mozartgymnasium würde er gerne zum Teil erhalten und dort Platz für Kultur schaffen, etwa für ein Museum über die Stadtgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Anschließend hatte das Publikum die Möglichkeit, den Kandidaten konkrete Fragen zu stellen. Am meisten interessierte auch hier die Zukunft des MOZ. Eine Frage ist, ob sich die Stadtverwaltung die komplette Planung von einem Investor abnehmen lassen würde, wenn dieser nur genug zahlt. Stadtkämmerer Christian Schuchardt erklärte, dass der Investitionsbedarf auf ca. 20 Millionen Euro geschätzt wurde. Vom Stadtrat gewünscht sei dort eine Verkaufsfläche zwischen 7000 und 12000 Quadratmetern. Allerdings habe der Investor die Option auf Komplettabriss. Ein neues Museum in der Stadt würde es nicht geben, dafür werde auf der Festung kräftig investiert. Muchtar Al Ghusain hielt dagegen, dass ein Gebäude wie die Otto-Richter-Halle fehlen würde und sämtliche Kultur nicht auf der Festung unterzubringen sei. Auf die Frage warum der Bürger aus dem Planungen für das MOZ momentan ausgeschlossen sei erklärte Schuchardt, dass beim mehrstufigen Verhandlungsverfahren gerade die jeweilige Pläne der Investoren vor den Mitbewerbern geheim gehalten werden müssten. Raimund Binder warnte vor noch längeren Verhandlungen: "Wenn man das Gebäude verfallen lässt, verliert es an Wert." Außerdem müsse sich die Stadt klar positionieren, wie sie das Gebiet um das Weltkulturerbe Residenz gestalten wolle.

Am Ende bedankte sich Peter Langer bei allen für die rege Beteiligung. Sie wollten die Wünsche und Vorschläge nun auswerten für ein geplantes Papier, das später die "Würzburger Thesen 2017" ergeben soll.

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