Schuldenkrise und Sparzwang in der EU

Auswirkungen der Krise auf Frauen

Seminar vom 02. bis 03.12.2013 in Kooperation mit dem Katholischen Deutschen Frauenbund, Landesverband Bayern. Das Seminar stellte die geschlechterpolitischen Auswirkungen der Wirtschafts-, Finanz- und Schuldenkrise in den Mittelpunkt: Was hat sich für Frauen in den EU-Ländern geändert? Welche Rollenmuster werden begünstigt, wie steht es um das Ziel der Gleichstellung der Geschlechter?

Von Paderborn bis Passau waren die interessierten Frauen angereist, um den Vorträgen der internationalen Referentinnen zuzuhören und miteinander Probleme und Lösungen zu diskutieren. Eine Teilnehmerin brachte es auf den Punkt „Mir ist es wichtig, nicht nur immer in Bayern, sondern auch ‘mal globaler zu sehen, wie es Menschen in ganz Europa geht, vor allem Frauen und Jugendlichen.“

Den Auffrischungsvortrag der Politikwissenschaftlerin Julia Würtz zu den europäischen Institutionen, deren Zusammenarbeit und Kompetenzen, nahmen die Teilnehmerinnen dankbar an. „Selbst in den Nachrichten im Fernsehen verwechseln Sprecher manchmal Europarat und Europäischen Rat“ bemerkte eine Teilnehmerin. Auch dass die Grundrechte der EU Bürger/innen teilweise weiter gehen, als die der Nationen, brachte so manchen „Aha-Effekt“ mit sich.

Anschließend ging die feministische Ökonomin Dr. Elisabeth Klatzer aus Wien auf die Frage ein, warum Wirtschaft eine feministische Perspektive benötigt: Anstelle der Arbeit mit dem klassischen Drei-Sektoren-Modell: Unternehmen – Haushalte – Staat, welches „Wirtschaft“ auf den privaten Unternehmenssektor fokussiert, ermöglicht die Erweiterung um den Non-Profit-Bereich sowie den illegalen/kriminellen Sektor die Berücksichtigung weiterer ökonomischer Aktivitäten. Ebenso können unterschiedliche Motive wirtschaftlichen Handelns neben der Maxime Gewinnorientierung thematisiert werden, Geschlechterverhältnisse in den fünf Sektoren betrachtet sowie Verschiebungen zwischen diesen fünf Sektoren, die durch geänderte politische Rahmenbedingungen eintreten.

Mit verständlichen Worten zeigte sie die Ursachen der Krise in Europa auf und die Säulen der EU-Krisenpolitik. Die Analyse der Maßnahmen erfolgte unter 4 Fragestellungen: Wer gewinnt an Macht? Wie wirken wirtschaftspolitische Ziele und Regeln auf das Geschlechterverhältnis? Wie verändern sich Staaten? Wie wirken sich die Sparpakete auf Frauen und Männer aus? Elisabeth Klatzer ging dabei auf alle Fragen der aufgeschlossenen Teilnehmerinnen ein, auch auf weitere wichtige Themen, wie beispielsweise die aktuelle Debatte über das Freihandelsabkommen TTIP.

Der zweite Seminartag begann mit dem Vortrag von Dr. Maria Topali, einer Juristin und Lyrikerin aus Athen, die den Zuhörerinnen die momentane Situation in Griechenland näher brachte. Die allgemein immer noch sehr patriarchalische Kultur, in der Migrantinnen besonders benachteiligt werden oder die Bedingungen der Menschen, die im Großraum Athen leben, machten viele Teilnehmerinnen betroffen: Das Bild, das Maria Topali zeichnete, war ein anderes, als das aus den Medien in Deutschland Bekannte. Durch die unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen der Teilnehmerinnen entstand im Anschluss an den Vortrag wiederum eine lebhafte und auch kontroverse Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen der Politik und der Bevölkerung in Griechenland. Besonders wichtig war es den Frauen, von Maria Topali mehr über die Wünsche der griechischen Bevölkerung und die Wahrnehmung der Auflagen der Troika zu erfahren.

Im Anschluss an den Schwerpunkt „Griechenland“ gab Eszter Kováts, Mitarbeiterin des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Budapest, einen Überblick über die Sparpolitik in den Visegrád-Ländern, also Ungarn, Tschechien, der Slowakei und Polen und deren Auswirkungen auf das Geschlechterverhältnis. Der für die Teilnehmerinnen oftmals erschreckenden Situation in diesen Ländern zum Trotz, betonte Eszter Kováts die Chance der Krise als „window of opportunity“, nämlich als Möglichkeit zur positiven Veränderung.

Die Teilnehmerinnen waren einerseits schockiert, anderseits jedoch dankbar, ebenfalls Hintergrundinformationen über den politischen Rechtsruck in Ungarn erfahren zu können.

Nach den beiden sehr konkreten Vorträgen, die einen anschaulichen Einblick in die Lebenssituation von Frauen in diesen Ländern gegeben hatten, wichen anfängliche Erschrockenheit und Frustration der Teilnehmerinnen schnell der Suche nach Unterstützungsmöglichkeiten. Ambitioniert wurde diskutiert, welche Kontakt- und Vernetzungsmöglichkeiten genutzt werden können.

In einer Gruppenarbeit am Nachmittag erarbeiteten die Teilnehmerinnen dann gemeinsam mit den Referentinnen in Kleingruppen konkrete Ideen für eigene Aktionsmöglichkeiten. (siehe Wandzeitungen in der Bildergalerie)

Am Ende des informationsreichen und konstruktiven Seminars zeigten sich alle Beteiligten trotz der vielen Probleme sehr bestärkt: „Die Idee Europa ist richtig und wichtig. Es besteht weiterhin Verbesserungsbedarf für ein demokratischeres System.“ „Klar wurde, dass sich besonders im Hinblick auf die Situation von Frauen in Gesellschaft und Wirtschaft sowohl rechtlich als auch kulturell noch vieles ändern muss, um dauerhaft mehr Stabilität und Gerechtigkeit in der EU zu schaffen.“ „Ich bin froh, dass ich Frauen aus anderen EU-Ländern kennen lernen konnte. Der persönliche Austausch ist der beste Weg zu einem gemeinsamen Europa.“

(Bericht: Hannah Ziegler, Stephanie Böhm)

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