Nahost-Tagung 2014: Jerusalem ist wie ein Brennglas

Nahost-Tagung 2014: Jerusalem ist wie ein Brennglas

Über 50 Interessierte aus ganz Deutschland nahmen an der diesjährigen Nahost-Tagung vom 31. Oktober bis 02. November 2014 in der Akademie Frankenwarte teil, die unter der Überschrift „Jerusalem – ‚die Heilige‘, Die religiös-politische Bedeutung der Stadt und der israelisch-palästinensische Konflikt“ stand und erneut in Kooperation mit den deutschen Freunden von Neve Shalom/Wahat al Salam veranstaltet wurde. Traurige Aktualität erfuhr die Tagung wegen der gewalttätigen Auseinandersetzungen um den Jerusalemer Tempelberg, die in diesen Tagen Todesopfer und Verletzte forderten.

Durchgängig waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit großer Aufmerksamkeit bei der Sache und diskutierten lebhaft. Bereits zu Beginn musste Dr. Sara Husseini eine Vielzahl von Fragen beantworten, als sie aus palästinensischer Sicht kompetent zum jüngsten Gaza-Krieg und zum Status von Jerusalem referierte. Husseini, eine Beraterin der Leiterin der palästinensischen Mission in Berlin, verwies vor allem auf die seit 1967 zu beobachtende israelische Politik der Diskriminierung gegenüber der palästinensischen Bevölkerung im besetzten Ost-Jerusalem, was durch eine Vielzahl administrativer Maßnahmen umgesetzt wird. Die „Judaisierung“ des Ostteils der Stadt durch gezielte Siedlungsprojekte schreite unaufhaltsam voran. Hinsichtlich des Gaza-Krieges verwies Frau Husseini nicht nur auf die hohen Opferzahlen aufgrund der israelischen Militärschläge, sondern auch auf die Vorgeschichte.

Die Geschichte Jerusalems im Zeitraffer präsentierte am Samstag Rainer Ratmann. Von der Vorzeit bis zur Eroberung des von Jordanien bis dahin besetzten Ostteils im Zuge des Sechs-Tage-Krieges 1967 durch die Israelis spannte er den Bogen, wobei er die Bedeutung dieses Ereignisses mit den Folgewirkungen bis heute betonte. Daran knüpfte Dr. Reiner Bernstein an, der insbesondere die gerade seit 1967 feststellbare verstärkte Entwicklung einer religiös-messianischen Bewegung in Israel und hier primär in Jerusalem sowie in der Westbank hervorhob. Deren Ziele und Politik stehen in klarem Gegensatz zu einem möglichen Interessenausgleich mit den Palästinensern. Bernstein wie Ratmann unterstrichen: Ohne eine Regelung der Jerusalem-Frage wird es keine Regelung des gesamten Konfliktes geben können. Persönliche Eindrücke und Erfahrungen aus der Stadt schilderte Judith Bernstein, die in Jerusalem geboren wurde und dort ihre Kindheit verbrachte und z. B. gemeinsam mit dem heutigen Staatspräsidenten Reuven Rivlin die Schulbank drückte. Da sie jährlich mehrere Monate in der Stadt, d.h. auch im Ostteil verbringt, schilderte sie einige Fakten: 30 Prozent des Bodens um die Altstadt ist heute bereits im Besitz von jüdischen Siedlern; im palästinensischen Stadtteil Silwan leben aktuell 100 Siedlerfamilien, weitere sollen folgen; die Stadt ist nach wie vor geteilt, auch wenn es seit 1967 keinen Teilungszaun mehr gibt; so gut wie keine West-Jerusalemer besuchen den Ostteil, das Gleiche gilt umgekehrt; die öffentliche Infrastruktur im Ostteil ist erheblich schlechter; Frau Bernsteins Fazit: die Mehrheit der Israelis kennt bestimmte Fakten nicht bzw. will sie nicht zur Kenntnis nehmen.

Den Abschluss des Seminars bildete der beeindruckende Auftritt von Dana Regev, einer jungen israelischen Journalistin, die zu Hause für die Tageszeitung Ha’aretz schreibt und zurzeit für ein halbes Jahr in Deutschland bei der Deutschen Welle in Bonn arbeitet. Sie schilderte u.a. ihre Erfahrungen als Soldatin in einer Kampfeinheit und ihre Sicht von Verlauf und Folgen des Gaza-Krieges. Dieser hat in der israelischen Gesellschaft eine starke Welle von Rassismus zutage gefördert, unter der auch der Regierungspolitik kritisch gegenüber stehende Medienvertreter zu leiden haben. Regev erwähnte Reaktionen auf ihre Artikel in Facebook oder die Morddrohungen gegenüber ihrem Kollegen Gideon Levy, der jetzt einen Leibwächter benötigt. Ausführlich schilderte sie aktuelle Entwicklungen in einigen Ost-Jerusalemer Stadtteilen, wo sie eigene Recherchen durchgeführt hatte, und illustrierte das mit kurzen Nachrichtenfilmen. Jerusalem ist ihres Erachtens wie ein Brennglas, dort spiegeln sich die Probleme und Spannungen des gesamten Landes. Die Zukunft der Stadt sei nicht rosig, aber: Die Dinge können, ja müssen sich ändern, denn auf Dauer kann es wie bisher nicht weitergehen. Dana Regev setzt ihre Hoffnung in eine künftige, neue israelische Regierung.

Das nächste Nahost-Wochenende von Akademie Frankenwarte und dem Verein “Freunde von Neve Shalom/Wahat al Salam“ findet vom 08. bis 10. Mai 2015 statt.

(Bericht von Rainer Ratmann)

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