Mit dem Mauerfall zerbrach die Kruste aus Selbstschutz

Nachlese zur Veranstaltung aus Suhl

Spannende Abendveranstaltung in Würzburgs Partnerstadt Suhl

Spannende Abendveranstaltung in Würzburgs Partnerstadt Suhl am 11. November 2014

Zu Recht wurde der Mauerfall vor 25 Jahren in vielen Teilen Deutschlands gefeiert. Wir konnten hören und lesen – und fragten uns irgendwann dann selbst – was wir denn machten, am 9. November 1989. Die Ereignisse im Herbst 1989 wären ohne den mutigen Einsatz von weniger als 4000 Frauen und Männern, die sich schon in den frühen 80er Jahren in oppositionellen Gruppen und Friedenskreisen engagierten, nicht möglich geworden. Zu Ehren der Bürgerrechtsbewegung der DDR und um zu erfahren, wie denn jene Protagonisten heute denken, fuhren 30 interessierte Würzburgerinnen und Würzburger auf Initiative der Akademie Frankenwarte und der Stadt Würzburg nach Suhl. Die Gäste aus Franken konnten sich nach einem kurzen Stadtrundgang mit Andrea Stenzel, zuständig für Suhls Partnerstädte, mit thüringer Bratwurst stärken. Mit Spannung erwarteten sie dann mit den Suhler Teilnehmenden in der Stadtbibliothek den Beginn der Podiumsrunde.

Bild der Veranstaltung

„Dies ist nun die Ebene der besonnenen Auseinandersetzung nach den Feierlichkeiten zum Mauerfall vor 25 Jahren“, eröffnete der Suhler Oberbürgermeister Dr. Jens Triebel die Gesprächsrunde. Und es sind denn auch andere Ereignisse im Herbst 1989, die in den Erinnerungen der Podiumsgäste sehr präsent sind. Zum Beispiel der Gottesdienst am 15. Oktober 1989 in der Hauptkirche Suhl. Pfarrer Bernd Winkelmann erzählt von der Unruhe zu Beginn, zitiert Teile seiner Meditation von jenem Abend, spricht von der Predigt über Gewaltlosigkeit und das anschließende freie Gespräch. „Die Leute gingen ans Mikro und schütteten ihr Herz aus, manche haben geweint.“ Und für Winkelmann wurde deutlich: „Nun ist die Apathie in der DDR überwunden.“

Bild der Veranstaltung

Moderatorin Romy Köhler aus Berlin, Mitglied von „Netzwerk 3te Generation Ostdeutschland“, hakte weiter nach. Nicht jede Person, die damals demonstrierte, kann mit dem Begriff „Bürgerrechtler“ versehen werden. Was unterscheidet also die Podiumsgäste von anderen Protestlern im Herbst '89? Und so hat jede der drei eingeladenen Gäste auch eine Lebensgeschichte mit ganz spezifischen, prägenden Erfahrungen. Flucht von Freunden der Eltern, Inhaftierungen im nahen Umfeld, Kontakte in künstlerische Kreise, die Studentenbewegung und der Prager Frühling waren es bei Manfred May. „Im Doppelten zu leben hat so geprägt“ schildert Brigitta Wurschi. Geboren unter dem Stempel “Handwerkerkind “ fand sie Schutz im Glauben und der Gemeinde. Auch sie machte sich bereits in der langen innenpolitischen Depressionsphase der 80er Jahre auf die Suche nach anderen Lebensentwürfen. Über eine ins Leben gerufene Umweltgruppe schrieb sie Eingaben zu Ernährung und Energieverbrauch. „So konnten wir 1989 Verantwortung übernehmen, denn wir hatten ja 10 Jahre lang gelernt.“ Für Bernd Winkelmann war es eine Abschrift des Club of Rome-Berichts 1979. Er gründete die Gruppe „Ökologie und Lebensstil“ und auch diese Gruppe suchte Alternativen mit dem Ziel, einen entwicklungsfähigen Sozialismus zu ermöglichen. Manfred May intensivierte seine Kontakte zu Künstlergruppen. Er berichtet vom innerkünstlerischen Diskurs, kompromisslos Widerstand zu leisten. Darauf antwortete der Staatssicherheitsdienst in den Jahren 1978 bis 83 mit Zersetzungsmaßnahmen, die in einen „Erfolgsbericht“ der Stasi münden. Was es bedeutet, wenn ein Staat das totale Scheitern von Menschen anordnet und umsetzt, konnten die Zuhörenden gedanklich nachvollziehen durch das, was May widerfuhr. Für ihn war der 9. November 1989 denn auch der Moment, in dem die „Kruste aus Selbstschutz zerbrach“, verbunden mit der Frage: „Wann werden wir sagen können, was uns geschah? Und wem?“ Im Herbst 1989 wurden alle drei Protagonisten Mitglied im Neuen Forum. Sie berichten von den Friedensgebeten am 15. und 18.10., aus denen heraus sich 10 Arbeitsgruppen bildeten. Dort wurde nun basisdemokratisch über alle zentralen gesellschaftlichen Bereiche diskutiert – alles unter der Überschrift, die DDR zu verändern.

Am 4. November kamen mittlerweile an die 40 000 Menschen in Suhl zusammen, die demonstrierten und Reden zuhörten. Das nächste Treffen wurde für den 18. November einberaumt. Doch dann kam der 9. November – und die Situation änderte sich vollständig. „Am 18.11. kamen nur noch 5000 zusammen und wir aktualisierten das Thema: „Reisen ist nicht alles!“, so Winkelmann.

Wie blicken also jene drei auf den 9. November zurück? „Ich war immer für die Wiedervereinigung“, sagt Winkelmann. „Aber nun kam alles so abrupt. Ja, ich war traurig, dass die Reformkräfte schnell wegbrachen.“ Auch Brigitta Wurschi ist dankbar für die Wiedervereinigung, trotz mancher schmerzhafter Erfahrung. Die Chance für eine gemeinsame Verfassung, die nicht genutzt wurde, bedauert sie noch heute. „Letztendlich sind wir mit dem Neuen Forum an der Frage der Machtübernahme gescheitert.“

Leider fehlte an diesem Abend in Suhl die Zeit, um noch weiter blicken zu können: Warum scheiterte das Neue Forum? Welche politischen Handlungsfelder suchten und fanden die drei Bürgerrechtler für sich und andere? Gute Gründe, spätestens im nächsten Jahr wieder nach Suhl zu fahren. Also ein weiterer besonnener Rückblick, dann auf: 25 Jahre deutsche Einheit.

Weitere Informationen

Dokumentation von Stephanie Böhm (PDF)
Programmfolder als PDF

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