Krieg oder Koexistenz?

Israel, die Palästinenser und die Arabellion

Krieg oder Koexistenz? Israel, die Palästinenser und die "Arabellion" lautete der Titel der diesjährigen Nahost-Tagung vom 01. bis 03. November 2013, die die Akademie Frankenwarte erneut in Kooperation mit dem Verein "Freunde von Neve Shalom/Wahat al Salam" durchführte.

Aktuell standen die Auswirkungen der Umbrüche in den arabischen Staaten auf Israel und die palästinensischen Gebiete im Zentrum der von Stephanie Böhm und Rainer Ratmann geleiteten Tagung, an der 60 Personen teilnahmen. Die fundierten Beiträge und die unterschiedlichen Sichtweisen sowie Einschätzungen der Experten und Expertin sowie der Teilnehmenden, die teilweise seit Jahrzehnten mit dem Nahost-Konflikt befasst sind, prägten eine herausragende Veranstaltung: Dr. Ralf Hexel, bis Sommer 2013 Leiter des FES-Büros in Israel, lieferte in zwei Beiträgen wichtige Informationen und Bewertungen im Hinblick auf die aktuelle innen- und außenpolitische Lage Israels und den Stand der israelisch-palästinensischen Verhandlungen. Unter Berücksichtigung der Bevölkerungsentwicklung, des Ergebnisses der letzten Knesset-Wahlen vom Januar 2013 und der innenpolitischen Auseinandersetzungen stellte Hexel für Israel fest: "Die Bevölkerung wünscht innenpolitisch Veränderungen. Die Gesellschaft ist pluralistischer, säkularer und legt mehr Wert auf soziale Gerechtigkeit. Andererseits ist sie insgesamt nationalistischer; für eine Lösung des Nahost-Konflikts ist sie nicht bereit“.

„So lange und intensiv ich auch für die zwei-Staaten-Lösung eintrat, heute vertrete ich die Ansicht, dass dieser Weg nicht umgesetzt werden kann. Wir brauchen neue, visionäre Vorstellungen über ein gemeinsames Leben von Israelis und Palästinensern jenseits des Nationalstaatsdenkens. Das Projekt der Zukunft wird sein, die nationalen Narrative ebenbürtig nebeneinander leben zu können. Dies alles gelingt nur jenseits der bisherigen Konfliktstrategien“, so Dr. Reiner Bernstein, München. Wie weit und schwierig dieser Weg werden könnte, zeigten die Ausführungen von Yoav Sapir, Berlin. Sein Bestreben, eine kritische Perspektive auf den Diskurs zum Nahost-Konflikt in Deutschland zu legen, stieß zunächst auf Verständnis bei den Zuhörer/innen. Er forderte, sorgfältiger über gängig gewordene Formulierungen und deren Bedeutung für die beiden Seiten nachzudenken. Doch seine Interpretationen und Vergleiche im Hinblick auf die Termini "Palästinenser", "Siedler", "umstrittene Gebiete", "Mauer/Zaun", "Flüchtlinge" und "Jerusalem" wurden von vielen Teilnehmenden kritisch gewertet.

„Die Auseinandersetzung mit einer solchen Sichtweise ist auch wichtig“, so Judith Bernstein, München. Ihr Plädoyer richtete sich primär an die deutsche Gesellschaft und die internationale Gemeinschaft: „Wir dürfen nicht warten und annehmen, dass der Konflikt alleine durch Kräfte in der Region gelöst wird. Es müssen Anstöße von außen kommen.“ Wie Judith und Dr. Reiner Bernstein war auch Dr. Jamal Nazzal, Bochum, Sprecher der Fatah in Europa während der gesamten Tagung anwesend. Im Gegensatz zu Dr. Bernstein plädiert er weiter für eine Zwei-Staaten-Lösung: „Wir brauchen einen eigenen Staat. Dies ist unser Recht und darf uns nicht abgestritten werden. Wenn es keine Fortschritte gibt, muss die Internationalisierung des Problems weiter vorangetrieben werden.“ Ein ebenso wichtiger Beitrag war der Vortrag von Dr. Yousef Nashef, Leiter der psychologischen Beratungsstelle in Ost-Jerusalem und Mitglied und Bewohner des Friedensdorfes Neve Shalom/Wahat al Salam. Seine Ausführungen über die Folgen des Konflikts auf palästinensische und jüdische Kinder, Eltern und Lehrkräfte sowie beide Gesellschaften verdeutlichten die problematischen und oft lebensgefährlichen Bedingungen, unter denen die Menschen beider Völker seit mehreren Generationen leben.

75 Studierende hörten am 4. November 2013 im Institut für Psychologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg ebenso gespannt den Ausführungen von Dr. Yousef Nashef zu, der von seinem Mitarbeiter Tareq Maori begleitet und unterstützt wurde. Wie ungleich behandelt sich israelische Palästinenser heute fühlen, schilderte in der abschließenden Diskussion ein Student, der aus diesem Grund in Würzburg Medizin studiert.

"Entsteht in Ihrem Dorf Neve Shalom/Wahat al Salam eine gemeinsame Identität, wenn dort Juden, Araber und Christen friedlich zusammen leben?", so die Frage einer Studentin. "Wir leben nicht nur friedlich, sondern wir haben auch Konflikte auszutragen", so Dr. Nashef. "Aber wir sind in der Lage, die Konflikte auszuhalten und zu bearbeiten. Wir wollen keine gemeinsame Identität, sondern die Fähigkeit entwickeln und vermitteln, mit unterschiedlichen Gewohnheiten, Riten und Narrativen zu leben."

Die Nahost-Tagung 2014 findet vom 31.10. bis 02.11.2014 statt.

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