Hero oder Top-Model

Fachtag am 24.11.2014

Fachtag Hero oder Top-Model

Ein Highlight war der Fachtag: Hero oder Top-Model: Zum Einfluss von Geschlechtsidentitäten auf Bildung, Vielfalt und Toleranz, der – gefördert mit LAP-Mitteln – am 24.11.2014 von der Akademie Frankenwarte in Kooperation mit der Gleichstellungsstelle des Landkreises Würzburg und dem Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung an der Universität Würzburg statt fand.

Zu Beginn setzte sich der Referent Dr. Thomas Gesterkamp mit der These "Bildungsverlierer Jungen?" auseinander. Dabei verwies er auf die Tatsache, dass dieser Themenkomplex bereits seit 25 Jahren diskutiert wird, allerdings erst seit der ersten PISA-Studie und aufgrund der immer wiederkehrenden Medienberichte in die breite Öffentlichkeit gelangte. Diese defizitorientierte Debatte werde über den "Umweg der Ökonomie" geführt: Die Wirtschaft klage über mangelnde Qualifizierung der Jungen und gebe diesen Vorwurf an die Lehrerinnen. Der Referent mahnte Differenzierungen an und kritisierte das Verbreiten von Halbwissen. Positiv bewertete er, dass die Thematik in der Politik angekommen sei. Er forderte, Männlichkeitsvielfalt zuzulassen und zu fördern und zwar im Miteinander aller Geschlechter.

Referent Dr. Thomas Gesterkamp

Dem ersten Programmpunkt folgte ein Input von Birol Mertol, Fachstelle Gender NRW über "Vorurteilsreflektierte Pädagogik mit Mädchen und Jungen in interkulturellen Kontexten", welcher mit praktischen Einblicken in einer Arbeitsgruppe am Nachmittag vertieft werden konnte. Im Vortrag ging Mertol zunächst auf die Begrifflichkeiten "interkulturelle Kontexte" und Konstruktionen von gender und ethnicity ein und zeigte Ergebnisse der Sinus-Migrant/innen-Milieu-Studie von 2008. Anschließend wurde das Verständnis von vorurteilsreflektierter Pädagogik dargelegt, als Raum, in dem Anstöße gegeben werden, alltägliches und damit selbstverständliches Handeln und Verhalten zu hinterfragen.

Impulsreferat

Das dritte Impulsreferat am Vormittag übernahm Lucy Urich, Promovandin an der PH Freiburg zum Themenspektrum: "Mädchen mögen Deutsch – Jungen können Mathe"? Interdisziplinäre Sichtweisen auf Genderaspekte in der Schule. Ausgehend von der These, dass Geschlecht nicht das ist, was wir haben, sondern das, was wir tun (Geschlecht als Handlungspraxis), ermahnte die Referentin, dass eindimensionale Betrachtungen und Studien nicht die Realität spiegeln. Wichtig sei es, Kinder und Jugendliche selbst zu befragen, da diese häufig wesentlich mehr Bilder über Männlichkeiten und Weiblichkeiten besitzen, als Erwachsene annehmen. Erwachsene hielten häufig an alten Modellen und Theorien fest und reproduzierten diese damit. Im Hinblick auf Studien zu Lernerfolgen von Mädchen und Jungen verwies sie darauf, dass keine natürlichen kognitiven Unterschiede nachweisbar wären, sehr wohl hingegen unterschiedliche Lernstrategien Anwendung fänden. Somit seien Aussagen über das Gehirn immer als in Interaktion mit der Umwelt befindlich zu betrachten. Deutlich wurde jedoch auch, wie schwierig es ist, eine Brücke zwischen der universitären Genderforschung, die ja auch den Komplex "Schule" zum Gegenstand hat, und der Schulpraxis zu schlagen, Nichts desto trotz sollte dieser Weg beschritten werden, da er für alle Beteiligten nutzbringende Fragen aufwirft und so Prozesse und Entwicklungen anstoßen kann.

Referentin

Alle drei Referent/innen waren darüber hinaus in den parallel statt findenden Arbeitsgruppen am Nachmittag gefragte Diskussionspartner/innen. Am Beispiel der jungen- bzw. mädchenspezifischen Schulbücher bzw. des "boys day" wurde die Komplexität und auch das Paradoxe deutlich: Jenseits der Problematik, was eigentlich unter "Geschlecht" zu verstehen sei, wird über die Problematisierung "Das sind Mädchenthemen" bzw. "Jungs fehlen in bestimmten Berufen" wiederum ein polares Geschlechtersystem unterstellt. So können genau jene Entwicklungen zementiert werden, deren Aufbrechen angestrebt wurde. Mit diesem Fachtag gelang es, genderrelevante Fragestellungen mit einem Fachpublikum zu erörtern, welches in den Bereichen Kita, Schule (von Grund- und Mittelschule bis hin zu Gymnasium und Fachschulen), Jugendarbeit und Universität engagiert ist. „Der Fachtag war wirklich eine kompakte und runde Sache. Ich kann sehr viel aus den einzelnen Vorträgen ziehen und bin froh über den anregenden Fachaustausch in der Kleingruppe“, so eine Teilnehmerin.

Bei Fragen zu Veranstaltungen rund um den Themenkomplex Genderpolitik/Gender equality können Sie sich gerne an unsere Dozentin Stephanie Böhm wenden: stephanie.boehm@frankenwarte.de

Weitere Informationen

Programmfolder der Veranstaltung (PDF)

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