Gegen den Strom

Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel vor 50 Jahren

Für die Teilnehmenden und Referierenden, von denen 5 Personen aus Israel kamen, bot das historische Datum Anlass, das besondere Verhältnis zwischen Israel und Deutschland aufgrund des Holocaust und die vielfältigen Verbindungen zwischen den Ländern, unterschiedlichsten Organisationen und Vereinen und nicht zuletzt vielen Bürgerinnen und Bürgern zu würdigen.

Rückblick zur Veranstaltung in der Akademie Frankenwarte
Von re.: W. Hammerl, Vorsitzender Freundeskreis, E. Shbeta, General-Manager des Friedensdorfes, Bundestagsabgeordnete M. Engelmeier u. Dr. U. Philipps-Heck Freundeskreis, E. Guggenheim-Shbeta Gründungsmitglied des Friedensdorfes und St. Böhm, Frankenwarte

Anlässlich dieses historischen Datums stand ein dankbarer und zugleich kritischer Rück- sowie Ausblick im Zentrum des diesjährigen Kooperationsseminars mit dem Verein "Freunde von Neve Shalom/Wahat al Salam", das vom 8. bis 10. Mai 2015 in der Akademie Frankenwarte Würzburg stattfand.

Gerade der biografische Austausch, den Referent Rainer Ratmann zu Beginn anregte: „Meine Beziehungen zu Israel – meine Beziehungen zu Deutschland“ zeigte viele positive Entwicklungen auf. Auf der anderen Seite gab der Blick in die Geschichte und Gegenwart auch reichlich Anlass, bisherige Bestrebungen und Maßnahmen im Hinblick auf ihre Auswirkungen und Folgen kritisch zu hinterfragen. Insbesondere aus Perspektive der anwesenden israelischen Palästinenser wurde die Kritik auch für deutsche Teilnehmende sehr gut nachvollziehbar: „Könnt Ihr Euch vorstellen, wie sich das anfühlt, wenn immer die guten Beziehungen zwischen Deutschland und Israel betont werden, wir dabei aber gar nicht vorkommen? Warum besuchen Städtepartnerschaftsgruppen so selten unsere arabischen Dörfer?“

Dr. Ulrich Kusche
Dr. Ulrich Kusche

Referent Dr. Ulrich Kusche zieht folgende nüchterne Bilanz: „Die Einsichten und Anregungen, die aus der Arbeit der vor Ort tätigen deutschen Kirchen, Freiwilligen-Organisationen und Stiftungen entstanden, fanden kaum Eingang in die offizielle Politik. Unter dem Eindruck der militärischen Aktionen Israels im Libanon und im Gazastreifen hat das deutsche Interesse an Israel drastisch abgenommen. Die palästinensischen Selbstmordanschläge in Israel und die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen haben das Verständnis für die palästinensischen Bestrebungen geschmälert.“

Bundestagsabgeordnete Michaela Engelmeier
Bundestagsabgeordnete Michaela Engelmeier

Der Vortrag und das anschließende Gespräch mit der Bundestagsabgeordneten Michaela Engelmeier, Mitglied der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe und Berichterstatterin im Ausschuss für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Israel/Nahost waren für alle Beteiligten eine sehr gute Gelegenheit, weitere Informationen aus erster Hand zu erhalten. Engelmeier war kurz zuvor selbst in Ramallah und erklärt: „Mich bekümmert die Hoffnungslosigkeit auf allen Seiten“. Sie berichtete von der Bundestagsdebatte anlässlich des historischen Datums und war eine angenehme und sehr kompetente Gesprächspartnerin: „Israels Sicherheit ist für die Menschen in Israel weiterhin ein Thema – das sagt uns das Wahlergebnis!“. Es fehle an Fortkommen auf beiden Seiten, wohl auch, weil sich die persönlichen Kontaktmöglichkeiten drastisch verringert haben: „Man kennt sich nicht mehr!“

Die vielen Einblicke und Erfahrungen, die Engelmeier schilderte und ihre Auflistung dessen, was weiterhin zu tun ist, stellten eine überzeugende Gegenposition zu der Äußerung eines israelischen Teilnehmers dar, dessen Aufruf lautete: „50 Jahre sind genug!“

Klaus Rostek und Klaus Buchner, beide Landratsamt Würzburg, Rifka Scherpf, Dolmetscherin und Dr. Johann Zilien, Wiesbaden
Klaus Rostek und Klaus Buchner, beide Landratsamt Würzburg, Rifka Scherpf, Dolmetscherin und Dr. Johann Zilien, Wiesbaden

Am Nachmittag erhielt die Seminargruppe sehr gute Einblicke in die intensive 25-jährige Arbeit des Landkreises Würzburg mit der Partnergemeinde Mateh Yehuda: Wunderbare Jugendaustauschprojekte, erfolgreiche Delegationsbesuche auf beiden Seiten und gute Freundschaften sind positive Signale. Diese gibt es auch durch die Städtepartnerschaft von Wiesbaden mit Kfar Sava, wie Dr. Johann Zilien schilderte. Kontrovers diskutiert wurde hingegen die Frage, welchen Stellenwert eine kritische Diskussion aktueller Politik und des Nahost-Konflikts bei derlei Begegnungen haben kann und sollte.

Dana Regev (vorne), derzeit Dt. Welle, Dr. Bettina Marx, Dt. Welle und Dr. Mathias Diederich, Univ. Frankfurt
Dana Regev (vorne), derzeit Dt. Welle, Dr. Bettina Marx, Dt. Welle und Dr. Mathias Diederich, Univ. Frankfurt

Ebenfalls sehr kritisch wurde die Rolle der Medien sowohl in Israel als auch in Deutschland von den Referentinnen Dana Regev und Dr. Bettina Marx in der Diskussion mit den Teilnehmenden beurteilt. „Seit 2006 war kein israelischer Journalist mehr in Gaza“, so Regev. Sie bemängelte ein großes Informationsdefizit in weiten Teilen der israelischen Gesellschaft und die große Kluft zwischen dem Regierungshandeln und dem Denken der gesellschaftlichen Mehrheit. Marx konstatierte: „Der Konflikt wird dekontextualisiert“. Da die Meldungen immer kürzer werden müssen und Korrespondenten aus Kostengründen abgezogen werden, wird eine verständliche und umfassende Vermittlung des Konflikts immer schwieriger. Es drohe eine „Entpolitisierung des Konflikts“ hin zur Betrachtung als „humanitäre Katastrophe“. Dies blendet die politischen Ursachen und denkbare Handlungsoptionen aus“, so Marx.

Unkompliziert, wenig kontrovers und sehr fruchtbringend kennzeichnete Dr. Mathias Diederich die Strategische Partnerschaft der Universität Frankfurt/M mit der Universität Tel Aviv.

Evi Guggenheim-Shbeta, Eyas Shbeta, beide aus Neve Shalom/Wahat al Salam und Dr. Ulla Philipps-Heck vom Freundeskreis Neve Shalom/Wahat al Salam
Evi Guggenheim-Shbeta, Eyas Shbeta, beide aus Neve Shalom/Wahat al Salam und Dr. Ulla Philipps-Heck vom Freundeskreis Neve Shalom/Wahat al Salam

„Ich bewundere Eure Idee und Eure Arbeit! Macht weiter so“, dies die Äußerung eines sehr ergriffenen Teilnehmers, der erstmalig vom Friedensdorf Neve Shalom/Wahat al Salam“ erfuhr und von der intensiven Friedensbildungsarbeit. Sehr beeindruckend waren die Schilderungen von Evi Guggenheim-Shbeta (Gründungsmitglied des Friedensdorfes) und Eyas Shbeta (General-Manager des Friedensdorfes) zu Entstehungsgeschichte und Aufbau des Dorfes. Der Holocaust und der Nahost-Konflikt, einerseits Themen der politischen Bildungsarbeit in Deutschland, andererseits die reale Lebensgeschichte der Deutsch-Jüdin Evi Guggenheim-Shbeta und des israelischen Palästinensers Eyas Shbeta. „Wir haben im Dorf gelernt, dass es der einzige Weg ist, die Verschiedenartigkeit stehen zu lassen“, so Guggenheim-Shbeta.

Wichtige Anker für viele Menschen innerhalb und außerhalb der Dorfgemeinschaft in Israel bis hin für Menschen in der ganzen Welt sind die Kinderkrippe, Kinder-Tagesstätte und Grundschule, der Jugendclub, das spirituelle Zentrum für Menschen aller Konfessionen und Religionen, das neu errichtete Museum sowie das Ahmad Hijazi World Peace College. „Auch für uns ist es wichtig zu wissen, dass wir Verbündete in Deutschland haben. Tragt unsere Ideen weiter, denn es ist möglich, dass Israelis und Palästinenser gemeinsam leben“, so Evi Guggenheim-Shbeta und Eyas Shbeta aus Neve Shalom/Wahat al Salam zum Abschluss eines sehr bewegenden Seminars.

Bewohner/innen und Förderer des Friedensdorfes Neve Shalom/Wahat al Salam
Bewohner/innen und Förderer des Friedensdorfes Neve Shalom/Wahat al Salam

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