Der andere Sputnik-Moment

Es lohnt sich, das Älterwerden bewusst zu gestalten

"Intensiv, emotional berührend und für das Engagement motivierend" - so das Fazit der 35 Teilnehmenden des Seminars: "Generation 80 plus: Das hohe Alter und die Sorge für die anderen und sich selbst".

Hierzu kamen bürgerschaftlich und hauptamtlich in der Seniorenarbeit engagierte in die Akademie Frankenwarte Würzburg. Erste Orientierungspunkte lieferte die Auseinandersetzung mit dem 7. Altenbericht, der insbesondere die Kommunen in den Blick nimmt und einige Aufforderungen beinhaltet, die es in sich haben: sektorspezifisches Denken überwinden, kommunales Selbstverständnis auf Koordinieren, Motivieren, Befähigen ausrichten, Stärkung der Rolle der Kommune durch Bund und Länder. Im Laufe des Seminars wurde deutlich, dass der Bericht mit seinen Forderungen genau jene Aufgabenfelder beschreibt, in denen die Anwesenden aktiv sind.

Das Älterwerden als "Sputnik-Moment" betrachten? Dies ist der Ansatz von Filmproduzentin Barbara Wackernagel-Jacobs, ehemals Ministerin für Frauen, Arbeit, Gesundheit und Soziales des Saarlandes. Mit ihrem wunderbaren Film wird deutlich, dass "30 gewonnene Jahre" enorme Chancen beinhalten. Und die Frage ist mehr als begründet, woher es eigentlich kommt, dass wir das individuelle Ziel, gesund zu bleiben und möglichst lange zu leben, gesellschaftlich als Katastrophe betrachten? Lebenssinn, Freude und Kraft schöpfen die Protagonist_innen des Films aus ihrer Erwerbsarbeit oder Freiwilligenarbeit in der "nachberuflichen Lebensphase". Deshalb sind flexiblere Übergänge in diese Lebens- und Arbeitsphase eine ganz wichtige politische Maßnahme. Diskutiert wurde aber auch das wie folgt beschriebene Problem: "Der Mythos Ruhestand muss gut werden. Wenn es nicht gelingt, ist das Dein individuelles Versagen. Sind Betroffene erst einmal in dieses Loch gefallen, dann heißt es aus ihrer Sicht nicht: "30 gewonnene Jahre" sondern: "Und das noch 30 Jahre!". Diese Menschen ziehen sich zurück und sind für uns, die Sozialarbeiter oder für Sie, die Ehrenamtlichen, nicht mehr erreichbar." Fazit: Vorbereitung für den eigenen Sputnik-Moment ist wichtiger denn je! Aber auch ein anderes Problem wurde thematisiert: Das Verhältnis zwischen dem individuellen Wunsch nach Partizipation und Teilhabe und dem "Zwang, für die Gesellschaft aktiv sein zu müssen" muss immer wieder gut ausbalanciert werden.

Das Gelingen des Sputnik-Moments hängt auch davon ab, ob ein Zugang zu den Tabu-Themen Sterben und Tod gefunden wird. Sehr anschaulich schilderten zwei ehrenamtliche Seniorenlotsen ihre Erfahrungen: "Es dauerte etwas, bis wir merkten, dass das Thema Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung wirklich unter den Nägeln brennt". In einem höchst professionellen Input wurden wesentliche Merkmale dargelegt und zentrale Problemfelder angesprochen. Die Diskussion zeigte: "Es bedarf großer Anstrengungen, eine Patientenverfügung zu machen. Trotzdem ist es ein sehr lohnenden Prozess, in jeder Lebensphase".

Mit ausgewählten Karikaturen fand Referentin Prof. Dr. Annelie Keil wieder die passenden Worte, um auch der Auseinandersetzung mit dem Sterben die Schwere zu nehmen. "Das Aktivbleiben ist eine zentrale Aufgabe des Älterwerdens. Aber genauso gilt es, die Chance wahrzunehmen, etwas lassen zu können und sich um die eigene Verletzlichkeit zu kümmern". "Abschied leben lernen" stellt einen lebenslangen Prozess dar. "Dankbarkeit entwickeln können", "den Blick nach innen richten" waren wichtige Schlüsselbotschaften.

Autorin Kerstin Schweighöfer konnte hieran bestens anknüpfen: Für ihr Buch: "100 Jahre Leben, Welche Werte wirklich zählen" führte sie spannende Gespräche mit Menschen, die vor über 100 Jahren geboren wurden. Was im Leben dieser Menschen zählte: Freiheit, Freundschaft, Unvoreingenommenheit, Lebensmut, Liebe und Leidenschaft. "Diese Werte sind konträr zu den Themen, die uns die Medien ständig präsentieren! Dieses lebensfeindliche Sicherheitsgefühl, das uns AfD & Co. einimpfen wollen, steht genau gegen die wichtige Unvoreingenommenheit, von der die alten Menschen so profitieren", so ein Beitrag aus der spannenden Diskussion. Zugleich stellen die Interviews einhundert Jahre erlebte Zeitgeschichte dar, in der viele Werte immer wieder erkämpft werden mussten: Meinungs- und Glaubensfreiheit, sexuelle Freiheit, Drogenpolitik, Sterbebegleitung. Dies führte zu weiteren Fragen: "Können wir mit den Werten umgehen, wenn sie selbstverständlich wurden? Was tun, wenn der unglaubliche Wert nicht mehr erkannt und geschätzt wird? Wie können wir dies weitervermitteln?"

Zum Abschluss ermöglichte Dr. Heinrich Grebe den Teilnehmenden interessante Einblicke in die kulturwissenschaftliche Altersforschung. Ausgehend von zwei Tendenzen, das hohe Alter in den Medien zu thematisieren: "belastendes Alter" versus "erfolgreiches Alter", wurde der "blinde Fleck von Hochaltrigkeits-Bildern" in den Fokus gerückt: Wie kann ein subjektiv gutes Leben in Angesicht von Verletzlichkeit gelingen? Zentral stehen hierfür die Begriffe der Selbstsorge und Selbstaktualisierung sowie Selbstsorgepraktiken Hochbetagter, um Wege für ein gelingendes, gutes Leben im (verletzlichen) hohen Alter aufzuzeigen. Auch dieser spannende Beitrag regte zu wichtigen Fragen an: Wie kann die Grenze zwischen Fürsorge und Übergriffigkeit erkannt und geschützt werden, im öffentlichen Raum, bei Ehrenamtlichen, als auch im privaten/familiären Umfeld? "Wer definiert eigentlich, was gutes Leben heißt?"

Angespornt durch die vielen interessanten Beiträge sammelten die Teilnehmenden am Ende des Seminars die für sie besonders wichtigen Gedanken - die sicherlich zu Hause das eigene Leben und Arbeiten stärken werden.

Impressionen in Bildern

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