Aus Liebe zu Menschen!?

Frauen berichteten aus ihrem Berufsalltag vom Dienst am Menschen

Frauen berichteten aus ihrem Berufsalltag vom Dienst am Menschen

Warum ist das Produzieren von Autos mehr wert als Arbeit am Menschen? Mit dieser Frage, die nicht weniger als unser gesamtes Gesellschafts- und Wirtschaftssystem hinterfragt, leitete Susanne Neubauer von ver.di die Gesprächsrunde am 13. Juni 2013 im Matthias-Ehrenfried-Haus Würzburg ein. Lohnfindung im Gesundheitswesen war das diesjährige Equal Pay Day-Schwerpunktthema. Aber für das Würzburger EPD-Bündnis sollte es nicht nur bei Aktionen am 21.März, dem diesjährigen Stichtag der Lohnungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen, bleiben. Daten und Zahlen sind das eine. Dahinter verbergen sich Frauenbiografien; Geschichten von Frauen, die in vielen wichtigen Arbeitsfeldern Dienst am Menschen leisten. Diese Frauen dürfen nicht nur in Statistiken verpackt werden! Das EPD-Bündnis widmete ihnen deshalb eine eigene Abendveranstaltung.

Was erzählen uns Frauen, die Erzieherin in einem Hort für verhaltenskreative Kinder und Erzieherin in einem Internat für behinderte Kinder sind? Welche Gedanken beschäftigen die Einrichtungsleiterin eines ambulanten Pflegedienstes, auch wenn die reguläre Arbeitszeit beendet ist? Wie kommt eine angehende Heilerziehungspflegerin über die Runden, wie eine Altenpflegerin, die sich selbstständig gemacht hat?

Es war nicht einfach, Frauen aus diesem Berufsspektrum zu finden, die an diesem Abend ja über sich selbst reden sollten! Dabei ist es so wichtig, unserer Gesellschaft vor Augen zu führen, was Dienst am Menschen bedeutet: Ich arbeite seit 26 Jahren in meinem Beruf – er ist meine Profession! Aufstiegschancen gibt es natürlich keine. Aber heute würde ich niemandem mehr raten, diesen Beruf zu ergreifen. Ohne Erfahrung ist dies alles kaum mehr machbar. Was ich mir wünsche? Ich wünschte mir Anerkennung – und nicht Mitleid!

Diese Arbeit kann wirklich krank machen, das hätte ich früher nicht geglaubt. Aber es ist schwierig, in einem Team krank zu sein. Also schleppst Du Dich hin, gehst immer öfter an dein Limit und irgendwann darüber hinaus. Es gibt ja immer weniger Fachkräfte; FSJ-ler sind lieb und nett und andere Hilfskräfte auch. Aber sie brauchen selbst Betreuung und wie das alles im Blick behalten können? Und irgendwann macht dann die psychische Verfassung nicht mehr mit.

Eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin ist genau das Richtige für mich! Davor habe ich etwas ganz anderes studiert, dadurch kann ich jetzt noch etwas Geld verdienen. Einige Monate hatte ich noch einen weiteren Nebenjob zu meinen 40 Stunden Vollzeit. Und dann noch das Lernen – das ging nicht auf Dauer! Finanziell ist es ganz schwer, über die Runden zu kommen.

Die Altenpflege ist meine Berufung, aber nach 20 Jahren in einer stationären Einrichtung konnte und wollte ich nicht mehr so weitermachen! Zum Glück muss ich nicht alleine für meinen Lebensunterhalt sorgen. Ich konnte mich selbständig machen, werde sicherlich nicht reich, aber ich habe endlich Zeit für die Menschen.

Die vielen Missstände im Pflegebereich haben mich ins Pflegemanagement geführt. Als alleinerziehende Mutter habe ich das alles gepackt, doch ich werde immer häufiger nachdenklich. Es gibt kaum noch junge Leute in unserem Beruf. In Vollzeit lässt sich vieles gar nicht auf Dauer schaffen. Wie das wohl zukünftig weitergeht?

Es war sehr beeindruckend, den Frauen zuzuhören – und nicht nur das: Ins Bild gesetzt wurden die Erzählungen durch die Foto-Ausstellung „Alltagsbilder – Berufliche und private Einblicke. Hierfür begleitete der Fotograf Rainer Wengel die Frauen bei ihrer Arbeit und auch im privaten Umfeld.

Viel häufiger sollte die Gelegenheit ergriffen werden, Frauen aus sozialen Arbeitsfeldern Gehör zu verschaffen und ihnen Wertschätzung entgegen zu bringen. Und die Fragen drängen:

  • Wie viel ist der Dienst am Menschen unserem Land wirklich wert?
  • Ist soziale Arbeit wirklich sozial?
  • Bedeutet soziale Profession gleichzeitig Ausbeutung?
  • Der Dienstleistungssektor boomt – Teilzeit, Minijobs, befristete Arbeitsverhältnisse auch – und die Folge heißt am Ende: niedrige Rente durch zu viel Nächstenliebe?

Um zu verstehen, wie die beschriebenen Veränderungen im Sozialsektor eingeleitet wurden, welche weiteren Entwicklungen denkbar sind und wie gegebenenfalls gegengesteuert werden kann, schloss der Vortrag von Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt, Ev. FH Bochum, den Abend ab: Soziale Dienstleistungsarbeit und der (nicht zufällige) Trend zum Niedriglohnsektor.

Ausgehend von dem mit der Pflegeversicherung 1995 eingeleiteten Paradigmenwechsel, den Antworten auf die ökonomische Krise ab Ende der 90er Jahre und der Dienstleistungspolitik der EU zeigte Wohlfahrt die Folgen für die Trägerlandschaft und die Betroffenen auf. Er endete mit einem eindringlichen Appell, Betroffenenorganisationen zu bilden bzw. zu stärken, da seiner Einschätzung nach unser Sozialsystem mit den etablierten Weichenstellungen auf Dauer nicht haltbar sei.

Weitere Informationen

Programmflyer als PDF

Die Fotoausstellung "Aus Liebe zu Menschen!? Alltagsbilder – berufliche und private Einblicke" von Rainer Wengel (www.rainerwengel.com) besteht aus fünf Tafeln und kann entliehen werden.

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