Ambient Assisted Living AAL

Altersgerechte Assistenzsysteme für ein selbstbestimmtes Leben (AAL): Nur technische Hilfsmittel oder Impulsgeber gesellschaftlichen Wandels?

Altersgerechte Assistenzsysteme für ein selbstbestimmtes Leben

Diese Frage führte in diesem Jahr 36 bürgerschaftlich und hauptamtlich in der Seniorenarbeit Engagierte aus Dreieich, Rödermark, Langen und Egelsbach in die Akademie Frankenwarte.

Unter "Ambient Assisted Living AAL" werden Konzepte, Produkte und Dienstleistungen verstanden, die neue Technologien und soziales Umfeld miteinander verbinden und verbessern mit dem Ziel, die Lebensqualität für Menschen in allen Lebensabschnitten zu erhöhen. Übersetzen könnte man AAL am besten mit „Altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben”, so die Definition des BMFB.

Altersgerechte Assistenzsysteme für ein selbstbestimmtes Leben

Alles nur Zukunftsmusik oder längst Realität? Um dies klären zu können, stellte der Medienpädagoge Michael Och zunächst „Smart-home-Möglichkeiten“ vor, wie sie bereits in den Bereichen Haustechnik, Haushalts- und Unterhaltungsgeräte, aber auch Erfassung (Smart metering) oder Sicherheitstechnik angeboten werden. Während hier die Optimierung von Abläufen und die Vernetzung im Fokus stehen, verfolgt AAL weit mehr: innovative Technik mit unterstützender Funktion, benutzerfreundliche Mensch-Technik-Interaktionen, intelligente Lösungen für Hilfsbedürftige, Pflegende und Angehörige. Ganz ohne Risiken und Nebenwirkungen?

Hier forschten die Teilnehmenden selbst nach: Welche Beispiele von „AAL“ kennen wir? Wer sind die Akteurinnen und Akteure in diesem Feld – bzw.: wer sollte auch in diesem Feld aktiv werden? Wer verfolgt welches Ziel? Welche Vorteile/Chancen sind erkennbar – aber auch: Welche Gefahren und Risiken müssen mitbedacht werden?

Für interessante Einblicke sorgten zwei Gastreferenten, die aufzeigten, welche Wege bereits heute beschritten werden:

Dr. Axel Viehweger, Vorstand Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften e.V., machte deutlich, dass in Sachsen längst Handlungsbedarf besteht: „Unsere Mitglieder wollen in den Wohnungen alt werden. Die Familienangehörigen sind weit weg.“ Barrierearme Wohnungen, die Zusammenarbeit mit Pflegedienstleistern, Demenz-WG’s im bekannten Quartier, aber auch der Erhalt sozialer Netze und Mobilitätshilfen gehören hier zum Alltag der Genossenschaft. „Für viele Architekten und Handwerker ist dies alles absolutes Neuland“, so Viehweger. So manche Studie wurde erstellt, um nicht an den Bedürfnissen der Menschen vorbei zu planen. „Ambulant vor stationär hören wir ständig auch von Seiten der Politik, doch es müssen noch viele Rahmenbedingungen verbessert und finanzielle Unterstützung, zum Beispiel für Umbauten, ermöglicht werden,“ so Viehweger.

Jasper Bertrang

Jasper Bertrang von der SOPHIA (Soziale Personenbetreuung Hilfen im Alltag) living network GmbH schilderte, wie der ursprüngliche Anbieter von Notrufsystemen heute intelligente Technik mit zugehender Betreuung kombiniert. Inzwischen kann sogar ein (bewohntes) „AAL-Musterhaus“ besucht oder Wohnmodule geordert werden. Spannend auch die Mitwirkung im EU-Förderprogramm „I stay at home“.

Viele der schon heute nutzbaren technischen Unterstützungsmöglichkeiten bei nachlassender Alltagskompetenz könnten wesentlich mehr Menschen zu Gute kommen. „Von wem gehen die Impulse aus?“ „Wie kann Hilfsbedürftigen klar gemacht werden, dass es nicht beschämend ist, diese Hilfen zu nutzen?“ diesen und vielen weiteren wichtigen Fragen wurde in der Diskussion nachgegangen.

Robotikhalle

Der Besuch der Robotikhalle an der Universität Würzburg war ein weiteres Highlight: Professor Dr. Klaus Schilling, Ordinarius des Lehrstuhls für Informatik VII: Robotik und Telematik begrüßte die Gruppe und erläuterte aus seiner Sicht, weshalb moderne Technik nicht Selbstzweck ist, sondern gute Unterstützungsmöglichkeiten für ältere Menschen bietet. Daniel Eck und Robin Heß vom Zentrum für Telematik stellten den Forschungsverbund FitForAge vor und erklärten den dreijährigen Weg und das Ergebnis eines Forschungsvorhabens im Projekt: Fit4Mobility: ein kommerzielles Elektrofahrzeug für Senior/innen (Scooter), das mit einem Fahrassistenzsystem ausgestattet wurde.

Forschungsszenerie

Weitere interessante Einblicke in die Forschungsszenerie ermöglichte das Gespräch mit Prof. Dr. Jörn Hurtienne und seinem Team vom Institut für Mensch-Computer-Medien und Psychologische Ergonomie. Mit welchen Vorerfahrungen nutzt welche Generation Technik und Medien? Wie muss Technik aufbereitet werden, damit Menschen sie verstehen und nutzen können? Was wissen wir über das Technik-/Mediennutzungsverhalten älterer Menschen? Und welche besonderen Erfordernisse gelten bei Menschen mit Demenz? Besonders interessant für die Gruppe hörte sich eine aktuell laufende Nutzerforschung an: Wie können wir uns eine „Erinnerungsrente“ aufbauen, auf die wir im Falle einer demenziellen Erkrankung zurückgreifen können? Wie lassen sich individuelle Erinnerungen sammeln und später zum Erhalt der Lebensqualität nutzen? Aber auch das Projekt flink – ein technisches Produkt, das ehrenamtliches Engagement fördern soll, wird bereits im Sommer in die Pilotphase starten. „Softwareentwicklung im Sozialbereich ist sehr rückständig, das wollen wir ändern“ so Diana Löffler.

Seminar

Mit einer Debatte ethischer Fragen und einem Leitlinienkatalog endete das Seminar. Was bewirkt der Verlust von Fähigkeiten: auch den Verlust an Privatheit durch permanente Überwachungsgmöglichkeiten? Wird es gerechte Zugangsmöglichkeiten zu AAL geben? Wird es eine Entlastung des Pfegepersonals oder eher eine Entlassung geben? Diese Eingangsfragen, gestellt von Gerlinde Wehner und Gabi Buchwald, weiteten den Blick auf sieben Dimensionen: Fürsorge, Autonomie, Sicherheit, Privatheit, Gerechtigkeit, Teilhabe und Selbstverständnis, die es zu achten und zu schützen gibt.

Nicht nur Datenschutz- und Haftungsfragen werden zukünftig zu klären sein, Vermeidung von Diskriminierung und Bevormundung, Qualifizierung und Weiterbildung sowie der gesellschaftliche Diskurs zu Verantwortung und Selbstbestimmung werden die Themen der Zukunft sein.

Seniorengruppe

Noch vor Ort blickten die Teilnehmenden auf ihre eigenen Gestaltungsmöglichkeiten, debattierten in den Gruppen „Quartier“, „Technik für Menschen mit Demenz“, „Seniorengruppe“ und „Ängste und Befürchtungen“ lebhaft weiter und entwickelten erste konkrete Schritte.

„Weiterhin wachsam und kritisch, jedoch auch mit neuen positiven Impulsen“, werden zukünftig machbare Veränderungen nicht nur beobachtet, sondern im eigenen Umfeld auch stärker thematisiert. „Es gibt viele Chancen für die alternde Gesellschaft, doch sind diese Fragestellungen und Möglichkeiten in keinster Weise bislang in der Gesellschaft angekommen. Wir sind Pioniere, die das ändern können.“ So endete das Seminar, das einen innovativen Weg zur Verbindung von Erwachsenenbildung, Forschung und Lebensbedingungen in der alternden Gesellschaft beschritt.

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