"Den Samen hüten"

Von rechts: Dr. Ulla Philipps-Heck, Prof. Dr. Christian Wiese, Friederike Schröder, Wolfgang Hammerl, Rainer Ratmann, Stephanie Böhm, Adrian Paukstat

Religiöser Fundamentalismus und Fanatismus - das Hindernis für eine Friedensregelung zwischen Israelis und Palästinensern?!
In diesem Jahr widmete sich das Kooperationsseminar mit dem Verein "Freunde von Neve Shalom/Wahat al Salam" der Frage: Religiöser Fundamentalismus und Fanatismus – das Hindernis für eine Friedenslösung zwischen Israelis und Palästinensern!? Um es vorweg zu nehmen: Diese Frage wurde von vielen mit einem klaren "Ja" beantwortet. Zur Beurteilung der Problematik erläuterte Adrian Paukstat, wissenschaftlicher Mitarbeiter Universität Augsburg, die Entstehungsgeschichte des politischen Islam sowie die Ausprägungen diverser Gruppierungen, bevor der politische Isam im Nahost-Konflikt fokussiert wurde. Nachdem Begrifflichkeiten wie Fundamentalismus geklärt waren, ging Prof. Dr. Christian Wiese, Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie, Goethe-Univ. Frankfurt/M., auf Ursprünge, Ziele und Wirkungen jüdischer Fundamentalismen in Israel ein. Ebenso wurden Grenzmarkierungen und Gratwanderungen zwischen "Israelkritik" und Antisemitismus diskutiert. Die israelische Journalistin Tal Rimon erläuterte im Gespräch mit Referent Rainer Ratmann die Ergebnisse der Knesset-Wahl Anfang April. Säkulare und religiöse, rechte, nationale Kräfte stellen die Mehrheit, Entwicklungen der letzten 15 bis 20 Jahre und die aktuellen politischen Verhältnisse zementieren den Status quo. Die Lebensrealität der palästinensischen Bevölkerung spiele derzeit kaum eine Rolle. "Doch politische Hegemonie ist nicht in Stein gemeißelt und kann sich ändern. Allerdings ist der Sinnhorizont politischen Handelns kein kurzfristiger", so Paukstat. Es sind die Widersprüche und Risse in der Gesellschaft, an denen politisches Handeln ansetzen kann und muss, um Zustände nicht hinzunehmen. Geduldiges, langfristiges Arbeiten an der Basis ist nötig für eine Friedenslösung zwischen Israelis und Palästinensern, die Früchte werden womöglich erst viel später sichtbar werden. Womit der Seminarfokus zur Friedensoase in Israel, Neve Shalom/Wahat al Salam, wanderte. Die Friedensoase, in der Christen, Juden und Moslems leben und Menschen aus ganz Israel und der Welt zusammen kommen können, ist ein ganz wichtiger, zukunftsweisender Ort für die Teilnehmenden des Seminars. Eine Frage der Referentin Dr. Ulla Philipps-Heck, Vorstandsmitglied im Verein NS/WS, richtete sich an alle: "Wie gehen wir mit der gesellschaftlichen Tendenz um, mit Anhängern extremer Gruppierungen nicht zu sprechen, sie zu ignorieren, mit Arroganz über sie zu urteilen?“ In der Friedensschule in NS/WS kann der offene Dialog auf Augenhöhe erprobt und erlernt werden: Den Kontakt halten, wirklich zuhören, so dass ein Dialog statt Streit möglich wird, zur Brücke werden zwischen den Welten. Es lohnt sich, die Narrative aufzubrechen", so Philipps-Heck in ihren sehr interessanten Ausführungen zur pädagogischen und gesellschaftspolitischen Arbeit im Friedensdorf.
"Radikalisierung und Intoleranz sind Phänomene, die überall wachsen. Welche Gegengewichte können wir stärken?" - eine weitere wichtige Frage am Ende des Seminars, sowie größte Anerkennung für die Friedensarbeit von Neve Shalom/Wahat al Salam in Israel. "Ich habe noch gestern meiner israelischen Freundin geschrieben. Sie kennt das Dorf gar nicht. Ich hoffe, dass ich mit ihr im nächsten Jahr an diesen wunderbaren Ort fahren werde", erzählte eine Teilnehmerin. Es gilt, Konflikte zukünftig anders auszutragen und dazu braucht es viele wichtige Bausteine. Nicht gleichgültig werden, den langen Atem behalten und akzeptieren, dass es auch Zeiten gibt, "in denen der Samen gehütet werden muss", sind wichtige Erkenntnisse, die am Ende des Seminars zusammen getragen wurden.

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