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Aktuelles aus der Frankenwarte

Glücksmodelle suchen, jenseits von Konsum

Würzburger Impulse, die Zweite: Mit Staatssekretärin Manuela Rottmann, Klimaforscher Heiko Paeth und Nachhaltigkeitsforscherin Ulrike Zeigermann diskutierten wir verantwortungsvolle Klimapolitik und die ökologisch-soziale Wende.

Wie wollen und können wir das Leben im 21. Jahrhundert menschengerecht, nachhaltig und sicher gestalten? Wo und wie finden wir Orientierung für unser individuelles und gemeinschaftliches Handeln? Nach dem Beginn der Würzburger Impulse unter anderem mit Sigmar Gabriel standen nun Klimawandel und Klimapolitik im Fokus. Die World Meteorological Organization prognostiziert, dass schon bis 2026 die 1,5 Grad-Grenze mit hoher Wahrscheinlichkeit überschritten wird. Wie ist der aktuelle Forschungsstand? Können die klimapolitischen Ziele noch eingehalten werden und sind diese überhaupt ausreichend? Und wie können Verbraucher*innen und Wirtschaft mitgenommen werden, damit es zu Verhaltensänderungen kommt? Kann dem Klimawandel wirkmächtig begegnet werden, ohne dass eine Zerreißprobe für unsere Gesellschaft droht und weltweite Konflikte verschärft werden?

Impulse an diesem Veranstaltungsabend kamen von

  • Prof. Dr. Heiko Paeth: Leiter der Professur für Geographie (Schwerpunkt Klimatologie) am Lehrstuhl für Geographie - Physische Geographie Würzburg
  • Dr. Manuela Rottmann: Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft
  • Jun.-Prof.in Dr. Ulrike Zeigermann: Professur für Sozialwissenschaftliche Nachhaltigkeitsforschung, Institut für Politikwissenschaft und Soziologie, Universität Würzburg

Klima in Unterfranken: zu heiß, zu trockenHeiko Paeth stellte den Klimawandel in Unterfranken und der Region Würzburg anhand konkreter Messdaten dar: So habe es beispielsweise vom 1. Mai 2022 bis zum Tag der Veranstaltung am 26. Juni insgesamt nur 11 Liter pro m² geregnet – „extrem wenig, und das in unseren eigentlich niederschlagsreichsten Monaten“. Die Zahl der Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad werde sich auf mehr als 30 im Jahr versechsfachen, die Zahl der Tropennächte (in denen es nicht auf unter 20 Grad abkühlt) nehme weiter zu, und spätestens hier beginnen gesundheitliche Probleme und Beeinträchtigungen der Lebensqualität. „Wenn die Witterung sich so weiterentwickelt, und wir uns zugleich den Luxus eigener Swimmingpools im Garten oder Klimaanlagen leisten, dann werden wir bald im Sommer unser Trinkwasser rationieren müssen“, meint Heiko Paeth. Besonders fokussiert wurde die Entwicklung des Würzburger Stadtklimas, welches seit der letzten Landesgartenschau an diversen Orten gemessen werden kann. So ergaben Messungen bereits einen Unterschied von acht Grad an der stärksten Wärmeinsel der Stadt zum Umland. Der Planung grüner Infrastruktur kommt somit eine Schlüsselrolle zu, um einen teil der negativen Folge kompensieren zu können.

All dies seien nicht mehr zu bestreitende Fakten, bemerkte auch Manuela Rottmann, und wies darauf hin, dass die Zeit der Zieldebatten in der Klimapolitik enden müsse. Es gehe nun um die schnelle Umsetzung des Klimaschutzes – nur sei das Handeln derzeit noch viel zu diffus. „Wie durch ein Wunder gelangen wir eben nicht zur sozial verträglichen ökologischen Transformation“, sagt Rottmann. Erschwerend kommt hinzu, dass andere Krisen die Handlungsfähigkeit von Politik und Gesellschaft einschränken. Rottmann nennt das Beispiel Landwirtschaftspolitik: „Eigentlich sollten wir die Wertigkeit und Knappheit von Lebensmitteln an deren Preis sehen. Aber das führt zu einer noch größeren sozialen Schieflage.“ Vor allem treibt Rottmann die Frage nach der sozialen Spaltung unserer Gesellschaft um - und dennoch müsse man „über Zumutungen und Eigenverantwortung diskutieren und welche Erwartungen an die Politik geweckt wurden und werden.“ Dennoch könne die Politik eines nicht beeinflussen: Was Menschen glücklich macht. Womöglich seien das künftig eine funktionierende Wasserversorgung, Glücksmodelle jenseits von Konsum, und nicht mehr ein Langstreckenflug oder andere Statussymbole. Erreichbar sei dieses, darüber waren sich alle drei Diskutanten einig, nur über disruptive Ansätze. „Mit dem 9-Euro-Ticket beispielsweise machen Personen Erfahrungen mit dem ÖPNV – egal ob positiv oder negativ – die mit diesem vorher noch keine Berührungspunkte hatten“, meint Rottmann.

Es geht um Gewohnheiten, Privilegien und MachtAnreize, Aufklärung, Zwang – es gibt eine breite Palette an politischen Instrumenten, die eine schnelle Umsetzung klimaschützender Maßnahmen begleiten können, bemerkte Ulrike Zeigermann. „Sie müssen nur besser aufeinander abgestimmt sein, Bürger*innen gilt es stärker als bisher zu beteiligen und auf Transparenz zu achten.“ Sie bemerkte darüber hinaus, dass alle gesellschaftlichen Veränderungen Machtverhältnisse, Gewohnheiten sowie Privilegien hinterfragen, wenn nicht sogar abschaffen müssen. Am besten funktioniere dies zunächst auf der lokalen Ebene, in der eigenen Umgebung, wo die persönliche Wirksamkeit einer jeden einzelnen Person schneller sichtbar werde. Bevor Zwangsmaßnahmen ergriffen werden, könnten viele andere, neue Möglichkeiten genutzt werden. „Und es gibt immer wieder neue Gelegenheitsfenster“, meint Zeigermann. „So schlimm der Krieg in der Ukraine ist, er befördert das ökologische Umdenken bei sehr vielen Menschen.“ Darüber hinaus gelte es, neue Wege zu finden, mit vielen, gleichzeitig stattfindenden Krisenereignissen umgehen zu lernen. Eine Herausforderung, die psychologische Kompetenzen nötig macht und der noch viel zu wenig Beachtung geschenkt wird.

Den aufschlussreichen Impulsen der Referierenden folgten interessante Beiträge unserer Teilnehmenden: Von „positiven Umsetzungsphantasien“ über die Produktion langlebiger Produkte bis zum Gebot der Fernstenliebe, welches zukünftigen Generationen Rechnung trägt. Oder das Plädoyer an die Politik, mehr Widerstände auszuhalten - denn mit Besteuerung ließe sich Verhalten beeinflussen, auch eine Umverteilung von oben nach unten sei hierdurch möglich. Visionen für die Zeit in 50 Jahren wagte die Diskussionsrunde zum Abschluss der Zweiten Würzburger Impulse nicht. Aber Manuela Rottmann wies darauf hin: „1972 hätten wir uns auch nicht vorstellen können, welchen Stand in Sachen Klimaschutz wir 2022 bereits erreicht haben.“ Und so endete diese Abendveranstaltung mit wichtigen Impulsen, wie jede*r einen Beitrag zur ökologisch-sozialen Wende leisten kann - und mit einem Regenschauer in der Würzburger Innenstadt.

Die Würzburger Impulse sind eine Kooperation von Akademie Frankenwarte und Volkswirtschaftlichem Institut der Universität Würzburg. Die dritte Veranstaltung der Reihe ist für Mittwoch, 19. Oktober 2022, geplant.

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Bei den Würzburger Impulsen diskutierten (v.l.) Parlamentarische Staatssekretärin Manuela Rottmann, Stephanie Böhm (Leiterin der Akademie Frankenwarte), Ulrike Zeigermann und Heiko Paeth mit etwa 80 Gästen im Audimax der Universität Würzburg.

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