“Zukunft findet Stadt“ – Demographische Planung als Strategie
Unter diesem Motto stand die Abendveranstaltung in der Akademie Frankenwarte am 3. Juni 2008 mit Susanne Tatje, Deutschlands erster Demographie-Beauftragten aus Bielefeld.
Das Programm dazu finden Sie hier.
Um Zukunft gestalten zu können, benötigen wir klare Strategien, denn: „Wir werden weniger, älter und bunter!“ Doch wie kann sich unser Gemeinwesen auf die Veränderungen einstellen? Diese Frage beschäftigt auch das Jugend-, Familien- und Sozialreferat der Stadt Würzburg, welches als Kooperationspartner für die Veranstaltung gewonnen werden konnte.
Der Einladung folgten 58 interessierte „Stadtgestalterinnen und Stadtgestalter“:
Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern mit Kindern, Jugendlichen, Familien, Seniorinnen und Senioren waren anwesend und vertraten Wohlfahrtsverbände, Schulen, die Universität und den Seniorenbeirat. Zu StadtplanerInnen kamen Engagierte für behinderte oder erwerbslose Menschen, für Muslime sowie Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Vereine, Selbsthilfegruppen und Bürgerinitiativen. Repräsentanten der Wirtschafts- und Bankenwelt fühlten sich angesprochen sowie EntscheidungsträgerInnen der kommunalen Verwaltung in Stadt und Landkreis.

Siegfried Scheidereiter
Koordinator im Sozialreferat der Stadt Würzburg
Siegfried Scheidereiter, Koordinator im Sozialreferat, warf zu Beginn der Veranstaltung ein Blitzlicht auf die Stadt Würzburg. Dabei betonte er insbesondere die guten Voraussetzungen Würzburgs, gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen zu meistern und verwies auf die Studie „Wegweiser Demographischer Wandel 2020“ der Bertelsmann Stiftung, die Würzburg zu den „prosperierenden Wirtschaftszentren“ zählt (siehe auch www.aktion2050.de/wegweiser). Allerdings gibt es unterschiedliche Prognosen für Würzburg. Ob die Bevölkerung nun um fünf Prozent steigen oder schrumpfen wird? Hierzu verwies Scheidereiter auf Karl Valentins berühmtes Zitat zur Unsicherheit von Prognosen – besonders, wenn sie die Zukunft vorhersagen. Oberste Zielvorgabe des Sozialreferates ist es, junge Familien an Würzburg zu binden bzw. zur Ansiedlung zu motivieren. Insgesamt stünden natürlich die Belange aller Altersgruppen im Blickfeld und hierfür seien gute Voraussetzungen einer Beteiligungskultur geschaffen. Der Abzug der amerikanischen Truppen wird als Chance betrachtet, 5.000 bis 7.000 Menschen auf dem Konversionsgebiet neu anzusiedeln und mit einer funktionalen Infrastruktur zu versorgen.
Anschließend ergriff Susanne Tatje das Wort, seit 2004 Leiterin des Projekts „Demographische Entwicklungsplanung“ der Stadt Bielefeld im Dezernat des Oberbürgermeisters. Dabei stellte sie gleich zu Beginn klar, dass sie kein „Patentrezept“ liefern will. Vielmehr sei es wichtig, gemeinsam in den Dialog zu treten und voneinander zu lernen, sich eigenen Herausforderungen zu stellen, denn „zukünftig werden viel stärker Regionen im Mittelpunkt stehen, weshalb Austausch und Zusammenarbeit immer wichtiger werden“.

Susanne Tatje
Leiterin des Projekts „Demographische Entwicklungsplanung“ der Stadt Bielefeld
Bielefeld zählt zu den schrumpfenden Städten in Deutschland, doch „auch Wachstum ist kein Grund, den demografischen Wandel zu ignorieren.“ Geburtenrückgang, steigende Lebenserwartung und Wanderungsbewegungen haben Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Es ist notwendig, vor Ort eigene, passgenaue Handlungskonzepte zu entwickeln.
Der Weg zum „Bielefelder Konzept“
Wie nimmt Bielefeld die Herausforderungen wahr? Die Aufgabe von Susanne Tatje war und ist es, Vorschläge zur Gestaltung demografisch bedingter Veränderungen zu entwickeln und ein Handlungskonzept zu erarbeiten. Die Zielsetzung lautet: Die Chancen aus demografischen Veränderungsprozessen zu nutzen.
Im Zeitraum von 2004 bis 2006 wurde in Bielefeld das Konzept erarbeitet. Zu Beginn standen die Ergebnisse der demografischen Forschung. Daraus wurden Fragen für die Kommune abgeleitet und in Zielvorstellungen formuliert. Dies wurde jedoch nicht am Schreibtisch vorgenommen, sondern in vielen Gesprächen mit beteiligten lokalen Akteurinnen und Akteuren erarbeitet. Dazu gab es eine verwaltungsinterne Umfrage zu bereits vorhandenen Aktivitäten, Vorstellungen, Zuständigkeiten etc. Danach wurde das Konzept erstellt, im politischen Prozess beraten und: einstimmig beschlossen!
Nun verfolgt Bielefeld mit dem Konzept „Demographischer Wandel als Chance?“ sechs Ziele:
Ziel 1: „Wir fördern Integration!“
Ziel 2: „Wir werden die familienfreundlichste Stadt in NRW!“
Ziel 3: „Wir wohnen zukunftsfähig!“
Ziel 4: „Wir lernen lebenslang!“
Ziel 5: „Wir gehen fit in die Zukunft!“
Ziel 6: „Wir wirtschaften für die Zukunft!“

„Und die Senioren!? Tauchen die gar nicht auf?“
Dies war eine der ersten Fragen der Diskussionsrunde. Hierauf erwiderte Susanne Tatje, dass dies in der Tat häufig für Verwirrung sorge. Eine Demographie-Beauftragte, die nicht über das Alter spricht? „Das Thema Alter haben wir bewusst nicht als isoliertes Ziel benannt - Es ist das Querschnittsthema in allen Bereichen.“
„Und Probleme durch das Anwachsen der Gruppe der Hochbetagten? Gibt es in Ihrem Konzept keine Krankheiten, keine Demenz - geht Bielefeld wirklich nur „Fit in die Zukunft“? "Die Themen Hochbetagte und Altersdemenz werden immer noch stark unterschätzt. Fakt ist: Wenn der Anteil der Hochbetagten, das heißt die Altersgruppe der über 80-jährigen, so ansteigt wie Experten voraussagen, bedeutet das gleichzeitig auch eine stark ansteigende Anzahl von Demenzkranken und Schwerstpflegebedürftigen. Darüber sind sich alle Fachleute einig. Und darauf müssen sich die Kommunen einstellen. Ich vermute, das Prinzip "ambulant vor stationär" endet da. Leider wird über dieses Thema noch viel zu wenig nachgedacht, auch Bielefeld hat Nachholbedarf. Gleichzeitig will ich das Thema auch nicht dramatisieren oder Angst machen, denn Angst ist ein schlechter Ratgeber." (Susanne Tatje)
Und ganz konkret?
Um den Zielvorgaben näher zu kommen, bedarf es vieler einzelner Schritte, Maßnahmen und Aktionen. Insbesondere das Politikfeld „ kommunale aktive Familienpolitik“ ist nicht einfach zu bestellen: Die Wirkungsweise einzelner politischer Maßnahmen im Hinblick auf eine Veränderung der Geburtenrate ist umstritten. Daneben ist sehr wohl klar, welche Faktoren für ein positives familienfreundliches Klima sorgen. Um unterschiedlichen Belangen von Familien gerecht werden zu können, entschied sich Bielefeld, in jedem Stadtteil ein Familienzentrum zu errichten. Deren Angebote sind sehr unterschiedlich – je nach den Bedürfnissen der Menschen in den jeweiligen Stadtteilen. Neben einer hohen prozentualen Quote von Ganztagsbetreuungsplätzen für Kinder ist Susanne Tatje besonders auf das „Minimax“ stolz: Eine Einrichtung mit ganz besonderen Angeboten: Betreuung am Wochenende, in der Nacht, Hol- und Bringdienste, Unterstützung im privaten Umfeld und vieles mehr.
Ein weiterer Politikbereich liegt Susanne Tatje besonders am Herzen: „Eine auf Integration ausgerichtete Zuwanderungspolitik.“
„Wir können es uns nicht leisten, die Potenziale, die gerade im Anwachsen der jungen Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund stecken, nicht zu nutzen.“ Hier muss eine besondere Förderung einsetzen, sei im Bereich der Bildung oder im Gesundheitsbereich.“
Auch hierzu gab es interessante Fragen in der Diskussion: Wenn Sie ethnische Ghettos verhindern möchten, haben Sie konkrete Pläne zur Entflechtung bereits bestehender ethnisch konzentrierter Gebiete?“ so die Fragen eines Stadtplaners.
Hier verwies Susanne Tatje auf die unterschiedlichen wissenschaftlichen Betrachtungsweisen: Während es StadtplanerInnen gibt, die bestimmte Viertel als „Durchgangsquartiere“ einstufen und deren Existenz für unabdingbar halten, sehen andere eher die Notwendigkeit darin, ausgewogene Verhältnisse zu schaffen. Tatje: „ Am Sinnvollsten erscheint es, mittels Stadtteilkonferenzen die Wege mit AkteurInnen vor Ort zu besprechen. Und manchmal muss eben eine Bündelung finanzieller Ressourcen vorgenommen werden!“
Wer muss mit ins Boot?
Immer wieder machte Susanne Tatje deutlich, dass es nicht genügt, Ziele, Konzepte und Umsetzungsmöglichkeiten in akademischen Zirkeln und der Verwaltung zu diskutieren. „Wir müssen alle beteiligen“ – und dafür braucht es manchmal neue Wege:
Symposien und Kongresse, generationsübergreifende Zukunftswerkstätten, kommunale Aktionstage oder auch demographische Stadtrundgänge unter dem Motto: „Blick zurück nach vorn“ können hilfreich sein.
Für Würzburg und seine Bürgerinnen und Bürger bleibt zu hoffen, dass die vielen Anregungen aus Bielefeld vor Ort Früchte tragen können. Sei es, dass bisherige Projekte durch die Ausführungen Bestätigung fanden oder neue Ideen hinzu kamen.
In den Ausführungen zeigten sich auch neue Zugänge zum Thema „demografischer Wandel“.
Erste Rückmeldungen machen deutlich, dass auch in Würzburg eine Reihe von engagierten Menschen aller Altersgruppen die Zukunft unserer Stadt gestalten wollen: An der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt wird an kreativen Projekten gearbeitet, wie zwei StudentInnen nach der Veranstaltung berichteten. Und ein Würzburger Seniorenbeiratsmitglied machte sich postwendend die Mühe und recherchierte im Internet, was in Punkto „Altenarbeit“ in Bielefeld zu finden sei. Das dortige Profil des Bielefelder Seniorenbeirats, die stadtteilübergreifende Netzwerkarbeit, die Präsentation der Zukunftswerkstatt und weitere Senioreninitiativen sind für ihn so bemerkenswert, dass er die Anregungen an den Sozialreferenten, den Leiter der Beratungsstelle für Senioren und Menschen mit Behinderung und an die Akademie Frankenwarte schriftlich weitergab. (Über www.bielefeld.de lassen sich viele weitere interessante links erschließen)
„Zukunft findet Stadt“ – auch in Würzburg!
Die Akademie Frankenwarte freut sich über Ihre Anregungen und plant weitere Veranstaltungen, die Einzelaspekte demographischer Veränderungsprozesse – ebenfalls unter der Bielefelder Zielvorstellung: „Die Chancen des demographischen Wandels nutzen!“ aufgreifen.
Zwei weitere Veranstaltungen in der Reihe Forum Frankenwarte sind bereits geplant:
Sonntag, 21.09.2008, 11.00 bis 13.00 Uhr:
Familienalltag in Frankreich – Familienalltag in Deutschland:
ein Vergleich mit Dr. Danielle Dahan
- mit Kinderbetreung! -
Dienstag, 28.10.2008, 19.15 bis 21.30 Uhr:
Leben in Gemeinschaften – Menschen auf der Suche nach alternativen Wohnformen
Vortrag und Diskussion mit Joachim Detjen
Über Ihr Interesse, Ihre Fragen und Anregungen freut sich: Stephanie Böhm,
stephanie.boehm[at]frankenwarte.de, Tel:: 0931-80464345